Geschichte » Die Außenlager des Konzentrationslagers Dachau



Gastbeitrag von Jana Köck account_box

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Die Außenlager des Konzentrationslagers Dachau

am Plansee und im Ammerwald




Zu Beginn dieser Themenseite möchte ich mich ganz herzlich bei Jana Köck für die Zurverfügungstellung ihrer Vorwissenschaftlichen Arbeit bedanken. Mit großer Freude darf ich also auf diesem Weg dieses äußerst interessante Werk auf verren.at der Öffentlichkeit vorstellen.




Vorwissenschaftliche Arbeit (VWA)

Verfasserin: Jana Köck

Klasse: 8B

Betreuerin: Glatz Mag. Renate

Schuljahr: 2020/21

Abgabe: 02/2021


Abstract


Die beiden Außenkommandos am Plansee und im Ammerwald sind der Bevölkerung von Reutte kaum bekannt. Da nur wenige Menschen über die Funktion der Außenlager, die dort inhaftierten Häftlinge und deren Alltag Bescheid wissen, soll die vorliegende Arbeit zur sachlichen Aufarbeitung der geschichtlichen Thematik dienen.

Diese Arbeit soll weiters den Vergleich zwischen einem typischen Außenlager mit den Merkmalen und Vorschriften des Hauptlagers Dachau und den beiden Außenkommandos in Reutte aufzeigen. Während es in den meisten Außenlagern und Außenkommandos des Hauptlagers sowohl zu sozialen Notständen als auch zu gewalttätigen Übergriffen kam, wurden alle Häftlinge in den zwei Lagern in Reutte vergleichsweise human behandelt und hatten zu jeder Zeit ausreichend Verpflegung. Die Aufarbeitung dieser Thematik wurde mir einerseits durch die Gedenkstätte Dachau, andererseits durch den Reuttener Chronisten Richard Lipp ermöglicht. Die Gedenkstätte Dachau gewährleistete mir den Zugang zu den im Archiv vorhandenen Primärquellen. Richard Lipp erklärte sich bereit, mir seine unveröffentlichten Literaturen zur Verfügung zu stellen.





Inhaltsverzeichnis


1 - Einleitung
2 - Methodische Vorgehensweise
3 - Die Bedeutung des Außenlagernetzes in Dachau
 3.1 - Das Stammlager Dachau
 3.2 - Begriffsdefinition
 3.3 - Die Bedeutung des Außenlager und Außenkommandos
 3.4 - Die geografischen Weiten der Außenlager und Außenkommandos
4 - Das Hotel Forelle
 4.1 - Das Gebäude
 4.2 - Die KZ-Häftlinge
  4.2.1 - Die Aufgaben der KZ-Häftlinge
  4.2.2 - Das Leben im Lager und die Bewachung der Häftlinge durch die SS-Wachmannschaft
 4.3 - Die Befreiung des Lagers
5 - Das Lager Ammerwald
 5.1 - Die Lagerinsassen als Sippenhäftlinge
  5.1.1 - Der Hintergrund der Verhaftung
  5.1.2 - 'Displaced Persons'
 5.2 - Das Leben im Lager
 5.3 - Die Befreiung im Ammerwald
 5.4 - Die Gedenkzeichen am Plansee und im Ammerwald
6 - Schluss
Quellenverzeichnis
Anhang / Interview mit Bruno Hosp (Zeitzeuge)


Anmerkung: im Text sind immer wieder auch Fußnoten (weiterführende Erklärungen) eingearbeitet. Diese Stellen sich als Zahlen in eckigen Klammern - z.B. [11] - dar und werden sichtbar, indem man mit dem Mouse-Cursor über diese fährt.





1 - Einleitung


Das Konzentrationslager Dachau war nicht nur das erste von den Nationalsozialisten genutzte Lager zur Inhaftierung von Häftlingen, sondern bildete mit 140 Außenlagern und Außenkommandos das größte und am weitesten vernetzte Außenlagernetz während des Zweiten Weltkrieges. Obwohl das Hauptlager Dachau 117 Kilometer Luftlinie von dem Ort Reutte entfernt lag, konnte man auch im Außerfern die Auswirkungen spüren, da sich zwei der Außenstandorte im Bezirk Reutte befanden. Unter Berücksichtigung der Anzahl der Häftlinge und vor allem auch der Bestandszeit befand sich im Hotel Forelle am Plansee das bedeutendere Lager im Vergleich zu jenem im Alpenhotel Ammerwald.

Die erstmals von dem Chronisten und Historiker Richard Lipp aufgearbeiteten Außenlager in Reutte sind der Bevölkerung des Bezirkes Reutte meist unbekannt. Zahlreiche Fachartikel, Zeitungsartikel und Literaturen von Lipp erweckten mein Interesse. Besonders ein Fachvortrag über das Außerfern während des Zweiten Weltkrieges gab den Ausschlag, mich noch intensiver mit den beiden Außenlagern zu beschäftigen und die folgende Arbeit diesem Themenkomplex zu widmen. Die Arbeit soll allen interessierten Leserinnen und Lesern einen komprimierten Einblick in nationalsozialistische Lagertätigkeiten in unmittelbarer Nähe bieten.

Bevor genauer auf die Außenkommandos im Bezirk Reutte eingegangen werden kann, wird eine gewisse Grundkenntnis in Bezug auf den Außenlagerkomplex des Hauptlagers Dachau benötigt und zu Beginn der Arbeit dargestellt. Anschließend wird ein Augenmerk auf das Lager Hotel Forelle gelegt und weiters auf das Alpenhotel Ammerwald eingegangen. In beiden Kapiteln werden die Inhaftierten und deren Arbeit im Lager, deren Alltagsleben und die Befreiung der Außenkommandos aufgearbeitet.

Da sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Befreiung der Konzentrationslager mittlerweile zum 75. Mal jähren, gehöre ich der letzten Generation an, der noch das Privileg zuteil wird, Zeitzeugen befragen zu können. Erkenntnisse daraus sind ebenfalls in die Arbeit eingeflossen.

Die meisten Informationen für die Arbeit ergeben sich aus den Sammlungen und Aufzeichnungen von Lipp. Außerdem besteht ein großer Teil der Quellen für das Hotel Forelle aus Originalakten von ehemaligen Häftlingen und von einem dort beschäftigten SS-Soldaten. Diese Akten wurden von mir im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau gesammelt und anschließend in die Arbeit übertragen.



2 - Methodische Vorgehensweise


Da die Literatur bezüglich der beiden Außenlager im Außerfern sehr dürftig ist, gestaltete sich die Suche nach Quellen mühevoll. Es lagen zwar diverse Quellen von Lipp vor, jedoch wurde noch zusätzliche Literatur von anderen Autoren benötigt, um eine gut recherchierte und vielfältige Arbeit schreiben zu können. Folglich wandte ich mich an das Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau und fragte dort an, für die anschließende Arbeit forschen zu dürfen. Dies wurde kurze Zeit später genehmigt und dadurch wurde mir der Zugang zu Primärquellen ermöglicht, die ich vor Ort bearbeiten konnte.

Da im Archiv nur Aufzeichnungen über das Hotel Forelle vorlagen, fehlte mir weiterhin jegliche Literatur zum Alpenhotel Ammerwald. Demzufolge wandte ich mich hilfesuchend an Lipp, der mir anschließend Zugriff auf sein Privatarchiv gewährte. Dieses inkludierte viele unveröffentlichte Literatur und hilfreiche Informationen, die meine Arbeit erst ermöglichten.

Ein Interview mit einem Zeitzeugen führt zusätzlich zu einem genaueren Bild der Lager. Ich fand den Zeugen Bruno Hosp, der sich bereit erklärte, meine Fragen zu beantworten. Er verbrachte als Kind alljährlich den Sommer am Plansee auf einer Hütte und eignet sich daher perfekt als Zeitzeuge. Während der Coronapandemie erwies sich eine persönliche Befragung als schwierig, da er aufgrund seines hohen Alters als besonders gefährdet gilt. Das Interview wurde daher über Skype geführt, um ein zusätzliches Risiko zu vermeiden.

Nach Sammeln und Überarbeiten der Literatur begann das Schreiben der Rohfassung. Begonnen habe ich mit dem Hotel Forelle, da mir diesbezüglich die meiste Literatur vorlag. Das Schreiben wies zu Beginn viele Schwierigkeiten auf, da der Überblick und die nötige Struktur fehlten. Nach Erstellen eines strikten Konzepts verlief das Verfassen einfacher. Auch die Arbeit an den weiteren Kapiteln erfolgte nach gründlichem Exzerpieren mühelos.

Am schwierigsten erwies sich jedoch hauptsächlich die Analyse der Primärquellen. Die Vernehmungsniederschriften der Häftlinge und des SS-Soldaten zeigten viele Unstimmigkeiten. Deshalb musste ich durch genaueres Recherchieren festlegen, welchen Quellen ich Glauben schenke und welche irrelevant sind. Vor allem die Aussagen des Soldaten waren oftmals nicht deckungsgleich mit den Aufzeichnungen der Häftlinge und den Unterlagen von Lipp. Dies lässt sich auf die Verleugnung und die Verdrängung des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit zurückführen.



3 - Die Bedeutung des Außenlagernetzes Dachau


3.1 - Das Stammlager Dachau


Nur knapp zwei Monate nach der Machtübernahme Hitlers über Deutschland am 30. Jänner 1933 ließ der Polizeichef Heinrich Himmler am 20. März des gleichen Jahres erstmals ein Konzentrationslager [1] in Dachau errichten (vgl. Distel/Benz). Himmler veröffentlicht Folgendes:

Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen für 5000 Menschen errichtet werden. Hier werden die gesamten kommunistischen und, soweit dies notwendig ist, Reichsbanner und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen (vgl. Distel/Benz).


Bereits am 22. März erreichten die ersten „Schutzhäftlinge [2]“ das Lager (vgl. Schalm, 2012, S. 38). 150 Häftlinge aus den Gefängnissen Landsberg am Lech und Stadelheim in München wurden auf das stillgelegte Areal einer Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg gebracht (vgl. Distel/Benz). Sie wurden nun für den Aufbau des ersten Konzentrationslagers eingesetzt. Am 11. April löste die SS [3] die Bayerische Landespolizei ab und übernahm die Bewachung und Verfügungsgewalt des Lagers. Bereits einen Tag später setzten die grausamen Praktiken der Nationalsozialisten ein und es wurden drei jüdische Inhaftierte erschossen (vgl. Schalm, 2012, S. 38).

Zu den ersten Häftlingen zählten hauptsächlich politische Gegner, woraufhin aber auch „Asoziale [4]“, Homosexuelle, Kriegsverbrecher [5] und Zeugen Jehovas in das Lager verschleppt wurden (vgl. Schalm, 2012, S. 40). Bei ihrer Ankunft im Lager erhielt jeder Häftling eine Nummer und wurde somit seiner Persönlichkeit und Identität beraubt und damit gewissermaßen „versachlicht“. Zusätzlich wurden die Häftlinge, je nach Verhaftungsgrund, mit einem Winkel gekennzeichnet. Juden mussten darüber hinaus ein zusätzliches gelbes Dreieck als Kennzeichnung tragen. Auf den Winkeln wurde die jeweilige Nationalität mit einem Buchstaben dargestellt (vgl. Schalm, 2012, S. 41).


Abbildung 1: Winkel und ihre Bedeutung für Inhaftierte (Mauthausen)
Die Abbildung 1 zeigt die verschiedenen Winkel der jeweiligen Kategorien. Das normale Dreieck konnte noch durch diverse Symbole ergänzt werden. Mit einem gleichfarbigen Balken über dem Dreieck wurden beispielsweise rückfällige Schutzhäftlinge markiert. Der schwarze Punkt kennzeichnete Häftlinge der Strafkompanie und der rote jene Häftlinge, die fluchtgefährdet waren.

Die Häftlingsanzahl im Lager stieg kontinuierlich an. So befanden sich im März 1933 bereits 660 Häftlinge im Lager und 1937 bis zu 2500. In Folge des Novemberpogroms [6] 1938 stieg die Häftlingszahl auf 19681 an (vgl. Schalm, 2012, S. 40). Schnell war die Kapazität ausgelastet, da das Konzentrationslager ursprünglich für 5000 Häftlinge errichtet worden war. Die hygienischen Verhältnisse verschlechterten sich daher drastisch. In den ersten zwei Jahren reichten die Waschräume der früheren Munitionsfabrik aus, doch mit dem kontinuierlich ansteigenden Zuwachs an Häftlingen genügte sogar ein Ausbau dieser Räume nicht mehr (vgl. Schalm, 2012, S. 42).

Die Häftlinge wurden im Lager vielseitig eingesetzt. Hauptsächlich leisteten sie Arbeit für Bauprojekte der SS und für deren Wirtschaftsprojekte (vgl. Distel/Benz). In nahezu allen Bereichen des Häftlingslagers und des SS-Lagers wurde die Arbeit von Häftlingen erledigt. Somit dienten die Häftlinge in vielerlei Hinsicht als Sklaven der Nationalsozialisten. Als 1939 der Krieg ausbrach, wurden zunehmend mehr Häftlinge in das Lager gebracht, selbst als die Kapazitätsgrenze schon längst überschritten war. Ab diesem Zeitpunkt dienten die Häftlinge als Lückenfüller am Arbeitsmarkt der deutschen Wirtschaft. Da immer mehr Männer in den Krieg einberufen wurden, fehlte in vielen Positionen benötigtes Personal. Deutschland musste somit auf Zwangsarbeiter [7], Kriegsgefangene [8] und KZ-Häftlinge zurückgreifen (vgl. Naumann, 2017, S. 37). Um möglichst viele Positionen an unterschiedlichen Standorten abdecken zu können, wurden zu den 23 Hauptlagern zusätzlich ungefähr 1000 Außenlager und Außenkommandos errichtet. Diese wurden geografisch günstig und meist betriebsangrenzend platziert (vgl. Naumann, 2017, S. 39).

Die Tatsache, dass bereits vor Kriegsbeginn die Kapazitäten des Konzentrationslagers Dachau am Limit waren, führte die Nationalsozialisten schnell zu dem Entschluss, weitere KZs für zukünftige Häftlinge, die nicht dem deutschen Idealbild entsprachen, zu errichten. Das Paradoxon, dass Häftlinge für Arbeiten zugeteilt wurden, die in diesem Zeitraum nicht wegzudenken waren, und dies zeitweilen reibungslos zu funktionieren schien, bestärkte die Nationalsozialisten in ihrem Vorhaben, weitere dezentrale Lager aufzubauen.



3.2 - Begriffsdefinition


Vorab muss die Begrifflichkeit von einem Außenlager und einem Außenkommando geklärt werden. Die beiden Begriffe wurden während des Zweiten Weltkriegs nie klar beschrieben. Pauschal wurden Begriffe wie Außen- oder Arbeitskommando und Außen- und Nebenlager für den gesamten Lagerkomplex Dachaus verwendet. Es gab auch nach dem Krieg kaum eine Unterscheidung und Grenze zwischen den Begriffen (vgl. Schalm, 2012, S. 45). Die folgende Arbeit sowie das Buch „Überleben durch Arbeit?“ von Sabine Schalm lehnt sich an die klare Begriffsdifferenzierung von Stanislav Zámečník an (vgl. Schalm, 2012, S. 47). Zámečník stammte aus Tschechien und war ein Zeitzeuge des Nationalsozialismus und zugleich Autor des Buches „Das war Dachau“, in dem er die Begrifflichkeiten streng eingrenzte.

Prinzipiell wurden sowohl in Außenlagern als auch in Außenkommandos sogenannte Arbeitskommandos erstellt. Ein Arbeitskommando „bezeichnet eine Gruppe von KZ-Häftlingen, die zur Erledigung bestimmter Tätigkeiten zusammengestellt wurden“ (Schalm, 2012, S. 46). Es gab Arbeitskommandos im Lager, diese wurden Innenkommandos genannt, und es gab Kommandos außerhalb des Hauptlagers. Jene Kommandos, die ihre Arbeit außerhalb leisteten, waren in zwei Gruppen eingeteilt. Die Kommandos, die nur zum Arbeiten das Lager verließen und für Verpflegung und Nächtigung wieder in das Lager zurückgebracht wurden, und das Kommando, das außerhalb eingesetzt und auch dort beherbergt wurde (vgl. Schalm, 2012, S. 47). Diese Häftlinge waren in Außenlagern oder Außenkommandos untergebracht (vgl. Schalm, 2012, S. 48).

Ein Außenlager und ein Außenkommando unterschieden sich hauptsächlich in ihrer Größe. Während ein Außenkommando maximal 250 Häftlinge beinhaltete, wurden in Außenlagern bis zu 5000 untergebracht. Außenkommandos wurden aufgrund ihrer Größe weiterhin vom Stammlager aus verwaltet und organisiert. Außenlager hingegen waren organisatorisch selbständiger, indem sie eine eigene „Verwaltungsstruktur vor Ort“ hatten (vgl. Schalm, 2012, S. 48). Außerdem wurden sie strenger bewacht als ein Außenkommando (vgl. Schalm, 2012, S. 49). Dies lässt sich auf die dort untergebrachte Häftlingsanzahl zurückführen. Außenlager konnten mit mehreren Außenkommandos verknüpft sein und somit einen Lagerkomplex bilden. „Das heißt, dass es nicht nur einzelne Außenlager waren, sondern deren Kommandantur wiederum anderer Außenlager oder -kommandos unterstanden“ (Schalm, 2012, S. 49). Im Lagerkomplex bildete dann meist das größte Außenlager das Hauptaußenlager, das den dazugehörenden Außenlagern und Außenkommandos übergeordnet war (vgl. Schalm, 2012, S. 49). Den größten Lagerkomplex bildete Kaufering mit insgesamt elf zu Dachau gehörigen Außenlagern (vgl. KZ-Gedenkstätte Dachau).

Insgesamt gab es 140 Sitze des KZ Dachaus, davon 94 Außenkommandos und 46 Außenlager (vgl. Schalm, 2012, S. 50).



3.3 - Die Bedeutung der Außenlager und Außenkommandos


Wie bereits oben dargestellt, wurden aufgrund des ständigen Zuwachses an Gefangenen nach Kriegsbeginn vorerst nur Außenkommandos eingerichtet (vgl. Schalm, 2012, S. 49). Dies lag daran, dass die Kommandantur [9] und die Verwaltung zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend ausgearbeitet wurde (vgl. Schalm, 2012, S. 50). Im Jahr 1943 wurde erstmals das Außenlager München-Riem errichtet (vgl. Schalm, 2012, S. 49).

Im Jahr 1938 wurden die ersten vier Außenkommandos angelegt (vgl. Schalm, 2012, S. 51). Um ein Außenkommando oder ein Außenlager bilden zu können, musste ein amtliches Genehmigungsverfahren der WVHA [10] durchgeführt werden (vgl. Schalm, 2012, S. 53). Die Außenkommandos bis 1941 dienten ausschließlich für Arbeiten der SS. Ab Herbst 1942 konnten erstmals auch „Unternehmen der Privatwirtschaft“ auf Häftlinge zugreifen (Schalm, 2012, S. 51). Man bekam jene Häftlinge nur mit einem Nachweis an kriegswichtiger Produktion gestellt (vgl. Schalm, 2012, S. 51). Ein Großteil der Insassen wurde somit ab 1942 in der Rüstungsindustrie tätig. In den letzten zwei Kriegsjahren arbeiteten insgesamt zwischen 400.000 und 500.000 KZ-Häftlinge in der Kriegsindustrie (vgl. Naumann, 2017, S. 38). Für Kriegsunternehmen war das Einstellen von Häftlingen klar von Vorteil, da diese im Vergleich zu normalen Arbeitern viel weniger Reichsmark pro Tag kosteten. Das Hauptlager stellte die Unterkunft, den Transport, die Verpflegung sowie die Bewachung der Häftlinge, um sicherzustellen, dass die SS weiterhin die komplette Kontrolle über sie hatte (vgl. Schalm, 2012, S. 51).

Vor allem ab 1944 stieg die Zahl an Neueröffnungen von Außenkommandos und Außenlagern drastisch an (vgl. Naumann, 2017, S. 39). Ein Grund dafür war die mangelnde Hygiene im Stammlager. Da sich Arbeitgeber von Häftlingen aus Innenkommandos bei der Dachauer Kommandantur beschwerten, dass aufgrund von Krankheiten oder Quarantäne nicht alle Häftlinge zur Arbeit antreten konnten, forderten sie eine Unterkunft außerhalb des Stammlagers (vgl. Schalm, 2012, S. 55). Als im Jänner 1943 Typhus [11] im Lager ausbrach, wurde innerhalb des Hauptlagers Quarantäne angeordnet. Dies sorgte für eine vorübergehende Schließung der Innenkommandos. Diese Maßnahme trieb viele häftlingsabhängige Unternehmen in den Ruin. Folglich wurden sämtliche Innenkommandos nach der verordneten Lagerquarantäne außerhalb des Hauptlagers untergebracht (vgl. Schalm, 2012, S. 56). Somit wurde aus einem Innenkommando ein Außenkommando errichtet.

Ein Großteil der Außenlager und Außenkommandos bestand bis zur Befreiung im April 1945. Eine frühzeitige Schließung der Lager erfolgte nur dann, wenn die Arbeiten fertiggestellt wurden, sich eine unpassende Wetterlage eingestellt hatte, die Führung der Häftlinge mangelhaft war oder die Destruktion des Lagers durch die Alliierten erfolgte (vgl. Schalm, 2012, S. 102).

Auch in den Außenlagern und Außenkommandos waren die hygienischen Verhältnisse sowie die Verpflegung und Unterkünfte meist nicht besser als in dem Hauptlager Dachau. Die damit verbundenen Unternehmen wollten mit geringen Kosten so viel Profit wie möglich erzielen. Dies hatte zur Folge, dass die Häftlinge auch in den Außenlagern und Außenkommandos ebenfalls meist sehr schlechten Bedingungen ausgesetzt waren.

Die Nationalsozialisten und die Kriegsunternehmen erzielten mit der Methode, dass Häftlinge als billige Arbeiter für kriegswichtige Produktionen eingestellt wurden, einen erheblichen Gewinn. Somit wurde einerseits die Nachlieferung von kriegswichtigen Gütern für die deutschen Soldaten gewährleistet und andererseits die deutsche Wirtschaft trotz Krisensituation angekurbelt und unterstützt. Die Häftlinge wurden durch diese Arbeiten dermaßen an ihr Erschöpfungslimit getrieben, dass etwaige Demonstrations- oder Fluchtversuche weitgehend unterdrückt werden konnten.



3.4 - Die geografischen Weiten der Außenlager und Außenkommandos


Die geografische Lage der Außenlager und Außenkommandos ergab sich abhängig von den involvierten Firmen, diversen Bauprojekten oder von Privatpersonen (vgl. Schalm, 2012, S. 79). Deshalb erfolgte die Ausbreitung der Lager sehr willkürlich. Das folgende Diagramm soll die Ausbreitung der Außenlager und -kommandos veranschaulichen. Die verwendeten Zahlen lehnen sich an das Buch „Überleben durch Arbeit?“ von Sabine Schalm an (vgl. Schalm, 2012, S. 80-85).



Das Diagramm zeigt die Anzahl an Außenlagern und -kommandos innerhalb eines bestimmten Bereiches. Dem Diagramm kann man entnehmen, dass knapp 75% des gesamten Lagerkomplexes sich innerhalb von 100 km befinden. Den größten Teil deckt die Entfernung von 26 bis 100 Kilometern mit 59 Standorten ab, gefolgt von der direkten Entfernung von 25 Kilometern, innerhalb derer 42 Standorte liegen. Der kleinste Anteil mit fünf Außenkommandos befindet sich in mehr als 200 Kilometer Entfernung.

Aus diesem Diagramm lässt sich schlussfolgern, dass die Nationalsozialisten sehr darauf bedacht waren, all ihre Außenlager und -kommandos durch die nicht allzu große Distanz ständig unter Kontrolle halten zu können. Sollte es in einem Außenlager zu Aufständen oder Rebellionsgeschehen kommen, war es den Kommandeuren wichtig, in kürzester Zeit Hilfskräfte von einem zum anderen Lager als Unterstützung schicken zu können. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass die Lager in geografisch strategischer Position zu kriegsindustriellen Firmen erbaut wurden, um den Transport der arbeitenden Häftlinge möglichst effizient und kostengünstig zu halten.



4 - Das Hotel Forelle


Im folgenden Abschnitt wird das Außenkommando „Hotel Forelle“ im Bezirk Reutte genauer dargestellt.

4.1 - Das Gebäude


Bei dem Außenkommando am Plansee handelte es sich um das beschlagnahmte „Hotel Forelle“ (vgl. Akt 1561, 1974). Das Lager bestand ab dem 2. September 1944 etwa eineinhalb Jahre lang, als dort französischen Geiseln inhaftiert wurden (vgl. Taferner, 1997, S. 12). Diese Bestandszeit ist daher im Vergleich zu größeren Haupt- und Außenlagern eher weniger bedeutend. Schon vor der Gefangennahme der Geiseln fungierte das Hotel als Arbeitslager. Die SS setzte, laut Angaben des Häftlings Erich Wenz, etwa 80 KZ-Häftlinge des Hauptlagers Dachau für Waldarbeiten am Plansee ein (vgl. Akt 356, 1947).

Das Hauptgebäude des Lagers bestand aus dem Hotel Forelle. Dieses Gebäude diente als Unterkunft sowohl für die französischen Geiseln als auch für die KZ-Häftlinge und die SS-Wachmannschaft (vgl. Lipp, 2016, S. 165).

Der in der Abbildung 3 gekennzeichnete Pfeil 1 weist auf das Quartier des Kommandos Bangen aus Dachau (vgl. Akt 354, 1967) und zugleich auf die Wohnstätte der männlichen Häftlinge hin. Pfeil 2 kennzeichnet die Unterkunft der Frauenkommandos, und in dem mit Pfeil 3 markierten Gebäude war die SS-Wachmannschaft untergebracht (vgl. Lipp, 2016, S. 165). Die Kommandos aus Dachau belegten jeweils zwei Dachstöcke und die französischen Vorzugshäftlinge die erste und zweite Etage. Darunter, im Erdgeschoss, lagen die Wirtschaftsräume (vgl. Akt 354, 1967).

Auf dem Lagergelände befand sich auch die zum Hotel gehörige Bootshütte (vgl. Taferner, 1997, S. 12). Das gesamte Areal war mit einem zweieinhalb Meter hohen Stacheldrahtzaun und zwei Wachtürmen gesichert. Der Zeitzeuge Bruno Hosp, der oftmals zu Besuch auf einer Hütte am Plansee war, beobachtete am Stacheldrahtzaun SS-Wachmänner, die das ganze Lager mit Waffen bewachten. Das Areal erstreckte sich von dem heutigen Hotel Forelle über die gesamte derzeitige Liegewiese bis zum Seeufer (vgl. Interview Bruno Hosp). Es wurden zur Bewachung Posten und Scheinwerfer eingesetzt (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Direkt angrenzend an den Stacheldrahtzaun befand sich, laut Aussagen von Hosp, ein zusätzliches Gebäude, in dem die SS-Soldaten untergekommen sind (vgl. Interview Bruno Hosp). Lipp berichtet außerdem von einer Sennerei, die sich auf einem Berg in der Nähe des Hotels befand, und die ebenfalls als Unterkunft für Soldaten diente (vgl. Lipp, 2016, S. 167). Hosp bestreitet diese Angabe, da er auf dieser Alm selbst zum Buttern aushalf und dort keine SS-Soldaten untergebracht wurden (vgl. Interview Bruno Hosp).

Das Außenkommando war im Vergleich zu seinem Hauptlager oder anderen größeren Außenlagern wenig gesichert. Dies liegt an der geografischen Isolation und an der geringen Anzahl an Häftlingen.



4.2 - Die KZ-Häftlinge


Am 22. Juni 1940 schloss Frankreich mit Deutschland einen Waffenstillstand. Da Frankreich nahezu kapitulierte, wurden französische Politiker und Militärpersonen in Konzentrationslager verschleppt. Jene Franzosen, die ab 1943 nach Tirol gebracht wurden, sind in zwei Garnituren eingeteilt worden (vgl. Lipp, 2016, S. 165).

Während die höchsten Staatsrepräsentanten Frankreichs auf Schloss Itter inhaftiert waren, war in der „Forelle“ sozusagen die „zweite Garnitur“ der französischen Elite untergebracht (Lipp, 1995).


Laut Lipp war Edouard Daladier der prominenteste Inhaftierte im Hotel Forelle. Er fungierte von 1938 bis zu seinem Rücktritt 1940 als Ministerpräsident von Frankreich. Unter anderem unterzeichnete er am 3. September 1939 die Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Nach Aussagen von Lipp wurde Daladier ins Schloss Itter überstellt (vgl. Lipp, 1981).

Die tatsächliche Anzahl der französischen Inhaftierten variierte je nach Aufenthaltszeit der Befragten. So gibt Erich Wenz, ein ehemaliger KZ-Häftling, an, dass zehn bis zwölf französische Geiseln zu seiner Haftzeit im Lager arretiert waren. Betty Longo, ein KZ-Häftling aus Ravensbrück, berichtet hingegen von 65 inhaftierten französischen Offizieren. Die Aussagen von Wenz und Longo stützen sich auf die Angaben von Ludwig Bantel, dem Kapo [12] des Lagers, der während seiner Inhaftierungszeit im Jahre 1942 von 15 bis 20 Offizieren spricht und kurz vor der Befreiung im Jahre 1945 100 Geiseln in seinen Aufzeichnungen anführt. (vgl. Akt 1561, 1974). Lipp unterstreicht, dass am 1. September 1943 erstmals 41 französische Geiseln in das Lager interniert wurden (vgl. Lipp, 2016, S. 166). Diese Aussage steht nicht im Einklang mit den Zeugenaussagen von Wenz und Bantel.

Im Hotel Forelle waren nicht ausschließlich Geiseln aus Frankreich, sondern auch aus Belgien und England. Die ersten sechs belgischen Geiseln gelangten am 16. September 1944 ins Lager. Lipp geht von der Tatsache aus, dass bei den letzten 23 inhaftierten Geiseln am 28. März 1945 nur zwei aus Frankreich stammten und der Rest der britischen Brigade angehörte (vgl. Lipp, 2016, S. 166).

Zusätzlich zu den Geiseln waren auch Häftlinge aus den beiden Konzentrationslagern Dachau und Ravensbrück interniert. In einem detaillierten Brief an die Lagergemeinschaft Dachau schildert Bantel seinen Aufenthalt im Hotel Forelle. Laut Bantel bestand das Häftlings-Kommando aus Dachau, einschließlich ihm selbst, aus zehn Männern. Das weibliche Kommando aus dem KZ Ravensbrück schätzte er auf sieben Frauen (vgl. Akt 354, 1967). Der SS-Wachmann Karl Otto H. sagte aus, dass sich ausschließlich männliche Häftlinge im Lager befanden (vgl. Akt 1561, 1974), jedoch liegt ein Verfahrensprotokoll von Longo, einem weiblichen Häftling aus dem KZ Ravensbrück, vor (vgl. Akt 1561, 1974). Damit ist eindeutig bewiesen, dass die Aussage von Karl Otto H. falsch ist.



4.2.1 - Die Aufgaben der KZ-Häftlinge


Das Hotel Forelle existierte schon vor Ankunft der französischen Offiziere, gemäß Lipp ab 1942, und diente als Arbeitslager für KZ-Häftlinge aus Dachau. Die Gegend lässt sich für diverse Waldarbeiten nutzen. Lipps Erkenntnis, dass zu diesem Zeitpunkt etwa 80 Häftlinge dort inhaftiert waren, beruhen auf einer Zeugenaussage von Erich Wenz. Als die ersten französischen Geiseln in das Lager kamen, wurden viele der ehemaligen Waldarbeiter wieder zurück ins Konzentrationshauptlager Dachau verschleppt (vgl. Lipp, 2016, S. 165).

Die höheren Offiziere wurden im Lager deutlich besser behandelt als die KZ-Häftlinge. Ein Indiz dafür ist, dass die „Nobelgefangenen“ von diversen Arbeiten befreit waren und nur die KZ-Kommandos Dienst leisten mussten. Die Hauptaufgabe der Kommandos war die Bedienung und Verpflegung der Geiseln. Das Frauen-Kommando war hauptsächlich für Küche- und Putzaufgaben zuständig, während das männliche KZ-Kommando für Waldarbeiten (vgl. Akt 1561, 1974) und Bauarbeiten eingesetzt wurde (vgl. Akt 354, 1967). „Wir haben Mauern eingezogen, eine Klärgrube gebaut und außerdem waren wir beim Schneeräumen eingesetzt“, erinnert sich Bantel (Akt 354, 1967). Der ursprüngliche Beruf der Häftlinge wurde im Lager großteils weiter ausgeführt. Somit arbeitete Wenz zusätzlich als Schädlingsbekämpfer (vgl. Akt 1561, 1974), Fritz Seifert, ein weiterer Häftling aus dem KZ Dachau, als Kellner und laut Angaben von Bantel gab es noch einen Friseur, einen Schneider, einen Mechaniker und einen Maler (vgl. Akt 354, 1967). Diese Argumente verdeutlichen, dass man im wörtlichen Sinne von „Nobelgefangenen“ sprechen kann, wobei nicht sicher ist, dass sie gut behandelt wurden auch wenn sie ihren Beruf ausüben durften.



4.2.2 - Das Leben im Lager und die Bewachung der Häftlinge durch die SS-Wachmannschaft


Wie schon oben angeführt, hatten die KZ-Häftlinge weniger Freiheiten als die „Nobelgefangenen“. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Thema Kleidung. Während die Geiseln ihre gewöhnliche Zivilkleidung tragen konnten, mussten beide KZ-Kommandos die gestreifte KZ-Kleidung tragen (vgl. Lipp, 1995). Ludwig Bantel erinnert sich, jeden Monat selbst nach Dachau gefahren zu sein, um dort die Kleidung und Schuhe zu tauschen (vgl. Akt 354, 1967). Der Altbürgermeister von Reutte und Zeitzeuge Siegfried Singer, der als Kind mit seinem Vater oftmals Holzarbeiten am Plansee erledigte, weist darauf hin, dass die Gefangenen innerhalb des Stacheldrahtzaunes freien Ausgang hatten (vgl. Interview Singer mit Richard Lipp, 1995).

Ich erinnere mich, daß regelmäßig, so jeden Tag oder alle zwei Tage, ein Pferdefuhrwerk vom Plansee kam. Mit diesem Fuhrwerk kam ein SS-Mann und ein KZ-Häftling. Sie fuhren zum Speckbacher zum Einkaufen. Das letzte halbe Jahr kam schließlich der KZ-Häftling ganz alleine, ohne jede Begleitung. Wo hätte er auch hin sollen? (Interview Singer mit Richard Lipp, 1995)


Daran zeigt sich, dass das KZ-Außenkommando nicht einem typischen Lager entsprach, da die Gefangenen dort weniger Arbeit erledigen mussten und bessere Verpflegung bekamen. Folgt man den Aussagen von Seifert, war die Verköstigung aller Gefangenen sehr gut. In unregelmäßigen Abständen gelangte auch Versorgung durch das „Rote Kreuz“ der Schweiz in das Lager. Alle befragten Häftlinge sagten einstimmig aus, dass die Verpflegung den Umständen entsprechend sehr gut war (vgl. Akt 1561, 1974).

Diese relativ guten Umstände im Lager ließen sich zweifelsfrei auf den SS-Hauptsturmführer [13] Hugo Erfurt zurückführen. Erfurt, der im Zivilberuf Volksschuldirektor war (vgl. Diebolt, 1986), stammte ursprünglich aus der Gegend Halle (vgl. Akt 1561,1974) und war seit Hitlers Machtübernahme am 30. Jänner 1933 bei der SS aktiv (vgl. Diebolt, 1986). Marcel Diebolt, der Übersetzer für die französischen Gefangenen des Lagers, schätzt Erfurt als „beschränkt, opportunis[tis]ch und beeinflussbar“ ein und außerdem habe er „kein Blut an den Händen“ (Diebolt, 1986). Erfurt fungierte seit seiner Inhaftierung der französischen Geiseln als Kommandant [14]. Seine Vorgänger leiteten das Lager gemäß den Vorschriften aus Dachau (vgl. Lipp, 1981). Die KZ-Häftlinge mussten bis zur Erschöpfung arbeiten und wurden an Bäume gefesselt (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Es waren laut Zeugenaussagen Bantels noch acht Scharführer [15] vorhanden, die Erfurt unterstellt waren. Darunter sind zwei Namen bekannt, der Gestapomann [16] Wagner, der hauptsächlich für die Überwachung der Franzosen zuständig war (vgl. Akt 354, 1967), und die SS-Scharführerin Plemer (vgl. Taferner, 1997, S. 12). Sie hatte das Kommando über die weiblichen KZ-Häftlinge (vgl. Akt 354, 1967). Oftmals gab es unter ihrer Führung Peitscheneingriffe (vgl. Taferner, 1997, S. 12). Als Bantel von einem dieser Übergriffe Wind bekam, stellte er Plemer zur Rede und verteidigte seine Mithäftlinge. Diese bedrohte ihn mit einem Revolver und verlangte von Erfurt die sofortige Ablöse. Erfurt weigerte sich und verbot ab sofort jegliche Misshandlungen. Gemäß Bantel kamen im Januar 1945 noch zusätzliche weiß-russische SS-Männer, die als Scharführer eingeteilt wurden, um das Lager vermutlich zusätzlich zu bewachen (vgl. Akt 354, 1967).

Erfurt behandelte nicht nur die Geiseln, sondern auch die KZ-Häftlinge sehr human (vgl. Lipp, 2016, S. 166). Außerdem gewährte er allen Insassen viele Freiheiten, wie zum Beispiel die unbewachten Fahrten nach Reutte (vgl. Interview Singer mit Lipp, 1995). Diebolt berichtet, dass auch, als Erfurt erfuhr, dass die Gefangenen einen heimlichen Radioempfang hatten, er nichts unternahm und Bemühungen anstellte, dieses Unterfangen im Geheimen zu halten (vgl. Lipp, 2016, S. 166). Seifert schildert einen Vorfall, als ein französischer Insasse die Flucht ergriffen hatte (vgl. Akt 1561, 1974). Zwei französische Häftlinge flüchteten aus dem Lager, wobei einer am Altenberg [17] wieder festgenommen wurde. Dem anderen Flüchtling gelang die Flucht in die Schweiz (vgl. Lipp, 2016, S. 167). Er habe, laut Aussagen von Ernst Knirsch, dem Lagerarzt, ein seidenes Taschentuch gehabt, auf dem eine Generalstabskarte [18] aufgezeichnet war (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Seifert, der als Kellner arbeitete, war verpflichtet, dem Lagerkommandanten schnellstmöglich mitzuteilen, wenn er bemerkte, dass ein Platz im Speisesaal nicht besetzt war, jedoch baten ihn andere Franzosen, dies hinauszuzögern. Somit berichtete Seifert dem Kommandanten von dem unbesetzten Platz nicht schon am Morgen, sondern erst zu Mittag. Er wurde dafür von Erfurt nicht bestraft (vgl. Akt 1561, 1974). Diese Aktion beweist erneut die relativ humane Leitung des Lagers, da dies in einem anderen Außen- oder Konzentrationslager schwerwiegende Folgen und Konsequenzen, meist sogar den Tod, mit sich gebracht hätte.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer der sich im großen Unglück befindlichen Häftlinge war der Kommandant Erfurt, mit seinen durchaus menschlichen Zügen und humanen Arbeitsbefehlen an die Insassen. Die Bedingungen im Lager hätten vermutlich unter einer anderen Führung wesentlich schlimmer ausgesehen.



4.3 - Die Befreiung des Lagers


Als die Alliierten, in diesem Falle die US-amerikanischen Truppen, am 28. April 1945 die österreichische Grenze überschritten, versuchte der Kreisleiter [19] Erwin Höllwarth, diese zu stoppen. Die beiden Widerstandsgruppen im Bezirk Reutte ließen dies aber nicht über sich ergehen und rüsteten auf, um die Alliierten bei der Befreiung zu unterstützen. Die Widerstandsgruppen diskutierten auch über eine frühzeitige Befreiung der Lager, doch da sie die Aufmerksamkeit der Wachmannschaft nicht auf sich ziehen wollten, wurden die Lager so belassen (vgl. Taferner, 1997, S. 16).

Im Zuge des Widerstands ereignete sich in der Nacht vom 28. auf den 29. April ein Attentat auf den Kreisleiter. Als die Amerikaner schlussendlich gegen 17:00 Uhr in Reutte eintrafen, ergab sich der Reuttener Bürgermeister Lothar Kelz (vgl. Hartmann, 2015).

Am nächsten Vormittag, dem 30. April, erfolgte der Weitermarsch zum Plansee und somit die Befreiung des Lagers „Hotel Forelle“ durch die Soldaten der „12th Armored Division“ (Lipp, 2016, S. 171). Die Abbildung 4 zeigt jene amerikanische Truppe.

Jedoch dauerte die Befreiung einige Zeit und die französischen Geiseln mussten noch bis zum 5. Mai im Lager verweilen (vgl. Lipp, 2016, S. 172). Ab diesem Zeitpunkt sind keine genaueren Informationen bekannt (vgl. Lipp, 1995). Lipp geht von der Tatsache aus, dass die Geiseln sofort den Heimweg antreten konnten. Den ehemaligen KZ-Häftlingen gelang die Heimreise allerdings erst viel später. Sie wurden zwischenzeitlich „Displaced Persons“ genannt (siehe 5.1.2) und mussten sich gezwungenermaßen noch im Lager aufhalten (vgl. Lipp, 2016, S. 172). Bantel verblieb somit noch bis August (vgl. Akt 354, 1967) und Seifert bis Oktober in dem Hotel (vgl. Akt 356, 1947).

Die Geiseln feierten vor der Abreise in ihr Heimatland noch einen Dankgottesdienst in der Dekanatskirche Breitenwang (vgl. Lipp, 2016, S. 172). Siegfried Singer, der ehemalige Bürgermeister von Reutte und Zeitzeuge, der am Gottesdienst teilnahm, meint, dass dieser kurz nach der Befreiung stattgefunden hat. Singer erinnert sich, dass er im Lager einen Bischof erkannte, der anschließend in vollständiger Robe am Gottesdienst teilnahm (vgl. Interview Singer mit Lipp, 1995). Lipp hingegen ist der Meinung, dass es sich hier um den Domherrn Joseph Panager handeln muss (vgl. Lipp, 2016, S. 172). Singer betont, dass dieser „ganz in sich versunken“ war (vgl. Interview Singer mit Lipp, 1995). Es ist daher denkbar, dass der Geistliche die Befreiung des Lagers mit großer Erleichterung aufnahm.

Aufgrund des engen Verhältnisses mit dem Hauptscharführer Erfurt beleuchtet Bantel, dass Erfurt etwa zwei Monate vor der Befreiung einen Befehl aus dem Hauptlager Dachau bekam. Es wurde ihm angeordnet, dass jene Häftlinge, die länger als sieben Jahre in einem Lager gefangen gehalten wurden, sofort zu erschießen seien. „Das kommt nicht in Frage, solange ich hier bin“, meinte Erfurt zu seinem Kapo (Akt 354, 1967). Am 26. April 1945 erhielt Erfurt einen Eilbrief des Polizeichefs Heinrich Himmlers, der besagte, dass alle Geiseln vom Plansee sofort nach Zentralösterreich zu bringen seien, damit diese nicht befreit werden konnten (vgl. Diebolt, 1986). Erfurt führte diesen Befehl nicht aus (vgl. Lipp, 2016, S. 168). Der Hauptgrund dafür war vermutlich die entschlossene Anstrengung der Gefangenen, ihre Befreiung zu erlangen. Eine Häftlingsgruppe mit der Führung von Colonel Jean Humbert plante eine militärische Aktion, bei der sie mit Waffengewalt die SS-Wachmannschaft bedrohten. Die Häftlinge haben sich ebenfalls auf einen Befehl der französischen Regierung berufen, den sie über das Radio empfangen hatten und der ausdrückte, dass alle Geiseln vor Ort bleiben sollten. Die verschlüsselte Nachricht mit dem Code „de P.C.H à G.L.N.“ wurde von dem ehemaligen Häftling Andrè Marguet gesendet (vgl. Diebolt, 1986), der im Hotel Forelle seit dem 26. Februar 1944 inhaftiert war (vgl. Taferner, 1997, S. 133) und das Lager am 1. April 1945 verließ (vgl. Diebolt, 1986). Die Botschaft war: „Die Giraffe soll im Käfig bleiben, wir wiederholen, die Giraffe soll im Käfig bleiben“ (vgl. Lipp, 2016, S. 167). Daraufhin hatte Erfurt jedem seiner Häftlinge einen Entlassungsschein ausgestellt (vgl. Akt 354, 1967).

Der SS-Wachmann Karl Otto H. erinnert sich, dass kurz vor der Befreiung durch einen französischen Verbindungsoffizier eine Ansprache an die gesamte Mannschaft erfolgte. Der Offizier versprach die sofortige Entlassung der gesamten Wachmannschaft, allerdings wurden sie einen Tag später von den Amerikanern festgenommen und verhört (vgl. Akt 1561, 1974). Diese Aussagen stehen im Widerspruch zu den Erinnerungen von Bantel, der erzählt, dass kurz vor der Befreiung alle SS-Männer verschwunden seien (vgl. Akt 354, 1967). Bantels Aussage überzeugt nur teilweise, da die Vernehmungsniederschrift des Wachmanns vorliegt und somit nicht alle Männer verschwunden sein konnten.

Alle Befragten, darunter ehemalige Häftlinge und das Wachpersonal, sagten einstimmig aus, dass das Lager eher einem Internierungslager glich. Es gab dort keine Misshandlungen und Unrechtstaten, die Verpflegung war sehr gut und es gab keine Häftlingstötungen. Auch der Leiter des Lagers wurde einstimmig als ein sehr humaner Mensch beschrieben.



5 - Das Lager Ammerwald


Bei dem Außenkommando Ammerwald handelte es sich um ein von BMW gepachtetes Wirtshaus, das hauptsächlich von den Mitarbeitern genutzt wurde und von den Nationalsozialisten während des Krieges beschlagnahmt wurde (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 323). Heinz Weiher, der Sohn eines ehemaligen Häftlings, spricht von dem „Alpenhotel Keßler“ (vgl. Heinz Weiher, 1990), diese Aussage berichtigt jedoch Lipp, da nur die Verwalter des Hotels Keßler hießen. Die Lagerbestandszeit des Lagers Ammerwald war im Gegensatz zu dem rund 4,7 Kilometer entfernten Hotel Forelle sehr unbedeutend, da es nur zwölf Tage, vom 18. bis 30. April 1945, als Außenlager genutzt wurde (vgl. Lipp, 2016, S. 169). Jedoch liegen Augenzeugenberichte vor, die besagen, dass das Lager schon vorher existiert haben muss. Lipp geht von der Tatsache aus, dass die Eröffnung des Lagers mit der Schlacht von Stalingrad und der kriegsentscheidenden Niederlage der 6. Armee zusammenhing (vgl. Lipp, 1995). Die diesbezügliche Literatur ist sehr dürftig. Es liegen nur zwei Häftlingsaussagen vor, von Prinzessin Irmingard von Bayern, die mit ihrer Familie im Hotel inhaftiert wurde (vgl. Irmingard von Bayern, 2010), und von Paul Weiher, dem Vater des oben genannten Offiziers Heinz Weiher, der in Stalingrad diente (vgl. Paul Weiher, 1990). Diese beiden Häftlinge gelangten erst gegen Ende des Krieges in das Außenkommando Ammerwald, deshalb bleiben genauere Informationen zu der vorherigen Nutzung des Gebäudes aus.



5.1 - Die Lagerinsassen als Sippenhäftlinge


Im Außenkommando Ammerwald waren im Gegensatz zum Hotel Forelle keine KZ-Häftlinge oder höhere Offiziere inhaftiert, sondern sogenannte Sippenhäftlinge (vgl. Lipp, 2016, S. 169). Sippenhäftlinge waren jene Gefangene, die selbst keine sogenannten „Untaten“ begangen hatten, sondern aufgrund der „Vergehen“ Verwandter inhaftiert wurden. Im Hotel Forelle wurden daher die Offiziere, die den Nationalsozialisten nicht gehörig waren und ihre Treue nicht der NSDAP bekannten, bestraft, während im Ammerwald die Angehörigen eingesperrt wurden.

Laut Lipp wird die Anzahl der Sippenhäftlinge auf rund 60 geschätzt. Durch die genaue Häftlingsliste des Mithäftlings Paul Weiher konnten 54 Namen aufgezeichnet werden (vgl. Lipp, 1995). Innerhalb der Häftlinge bestand eine nahezu hierarchische Ordnung (vgl. Lipp, 2016, S. 170). Anführer war Prinz Albrecht von Bayern (vgl. Lipp, 1995), dessen „preußische Disziplin“ von der SS geduldet wurde (Lipp, 2016, S. 170).



5.1.1 - Der Hintergrund der Verhaftung


Es gab drei Ursachen für die Inhaftierung von Sippenhäftlingen im Außenkommando Ammerwald. Einerseits wurden die Angehörigen der geschlagenen 6. Armee in Stalingrad und Mitglieder des „Bundes Deutscher Offiziere“ (BDO) verhaftet und andererseits die Angehörigen des Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 (vgl. Lipp, 1995). Außerdem waren auch „politisch unbequeme Adelige“ im Lager (Taferner, 1997, S. 14). Die wahrscheinlich bekanntesten Häftlinge waren die Frau und die Kinder des Oberbefehlshabers der 6. Deutschen Armee Friedrich Paulus und Prinz Albrecht von Bayern mit seiner Familie (vgl. Taferner, 1997, S. 14).

Eine ausführliche E-Mail über den Hintergrund der Verhaftung und über das Lagerleben verfassten Heinz und sein Vater Paul Weiher. Heinz Weiher schreibt 1990 nach dem Fall der Berliner Mauer und dem anschließenden Ende der DDR an den damaligen Bürgermeister Singer (vgl. Heinz Weiher, 1990). Er war Oberleutnant [20] der Reserve in Stalingrad und geriet dort am 26. 1. 1943 durch russische Panzertruppen in Kriegsgefangenschaft der Sowjetunion (vgl. Heinz Weiher, 1990, S. 1). Ende Juni gelangte er schließlich in das Kriegsgefangenenlager 27 in Krasnogorsk bei Moskau (vgl. Heinz Weiher, 1990, S. 2). Er war am 11./12. 9. 1943 Mitbegründer des „Bundes Deutscher Offiziere in der antifaschistischen Bewegung Freies Deutschland“ und richtete sich somit gegen die Nationalsozialisten und gegen den Krieg (vgl. Heinz Weiher, 1990, S. 3). Der Bund Deutscher Offiziere (BDO) war eine antifaschistische Bewegung von deutschen Kriegsgefangenen, die den Krieg als Verbrechen sahen und diesen schnellstmöglich mit Verhandlungen beenden wollten, um eine Vielzahl von Kriegsopfern zu verhindern. Hitler sollte mit Kooperation der Sowjetunion zum Rücktritt gezwungen werden. Die BDO forderte die Bevölkerung hauptsächlich mit Flugblättern und Radiosendungen zur Überwältigung Hitlers auf, jedoch scheiterten diese Ziele. Während die Mitglieder der BDO, wie bereits erwähnt, in Kriegsgefangenschaft kamen, gerieten auch die Angehörigen der Mitglieder in Sippenhaft (vgl. Lipp, 2016, S. 169).

Heinz Weiher lernte im Zuge seiner Gefangenschaft den Kommunisten und Reichstagsabgeordneten Anton Ackermann kennen, welcher eine deutsche Sendung beim Sender Moskau, dem BBC und den französischen Freiheitssender leitete (vgl. Heinz Weiher, 1990, S. 3). Ackermann genehmigte Weiher einen Radiogruß an seine Frau:

Hier spricht der Leutnant Heinz Weiher aus Roßwein. Angehöriger der Korps-Nachrichtenabteilung 44 des IV. Armeekorps. Ich geriet am 26. Januar 1943 in Stalingrad gesund in russische Kriegsgefangenschaft. Mir geht es soweit gut. Ich grüße meine Frau und mein Kind Angelika oder Wolfgang. Alle guten Wünsche bis zu einem glücklichen Wiedersehen (Heinz Weiher, 1990, S. 3).


Dieser Gruß war Auslöser von Vergeltungsmaßnahmen der Gestapo, aufgrund derer sein Vater Paul Weiher inhaftiert wurde. Paul Weiher wurde als Ersatz für seine Frau herangezogen, da diese aufgrund ihres Kleinkindes freigesprochen wurde (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 4). Paul Weiher wurde nach vielen Umwegen schließlich ins KZ-Buchenwald gebracht, wo er mit seinen Mithäftlingen aber nicht aufgenommen wurde (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 5). Der weitere Weg führte in eine Sanitätsbaracke ins KZ Dachau, in der sie vier Wochen blieben. Danach erfolgte am 18. April 1945 die weitere Verlegung nach Reutte in Tirol, von wo aus sie mit einem Lastauto weiter Richtung Ammerwald gefahren wurden. Aufgrund der massiven Schneelage mussten die Sippenhäftlinge die letzten 25 Minuten gegen Mitternacht bis zum Hotel laufen (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 6).

Auf anderen Wegen erfolgte die Anreise der Adelsfamilie (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 323). Dieser Transport mit allen Familienmitgliedern des bayerischen Adelshauses führte über Garmisch nach Reutte, von wo aus alle 20 Häftlinge den Weg zu Fuß zurücklegen mussten (vgl. Lipp, 2016, S. 169). Daher wussten sie von der Existenz des Lagers Hotel Forelle. Sie wurden von sieben SS-Wachen begleitet, unter anderem von dem Befehlshaber des Lagers Nierburg (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 323).

Lipp beschäftigt sich gründlich mit der Frage, warum man die Sippenhäftlinge überhaupt in Gefangenschaft genommen hat. Er berichtet ähnlich wie bei den französischen Geiseln von einer zweiten Garnitur, die an den Pragser Wildsee in Südtirol gebracht wurde. Die Schicksale dieser Häftlinge sind gemäß seinen Aufzeichnungen vergleichbar mit denen im Außenkommando Ammerwald. Warum diese Häftlinge aufgeteilt wurden, ist nicht bekannt. Der Zweck der Verhaftung war, dass die Insassen als eine Art „menschliches Tauschobjekt“ dienten (Lipp, 2016, S. 171). Die Hypothese, dass die Häftlinge zur Ermordung weggeschafft wurden, verneint Lipp, da dies mit größerer Wahrscheinlichkeit in den Konzentrationslagern geschehen wäre (vgl. Lipp, 2016, S. 171). Die Behauptung, dass die Häftlinge für mögliche Erpressungen festgehalten wurden, scheint somit plausibler.



5.1.2 - 'Displaced Persons'


Ein Großteil der Sippenhäftlinge und auch der KZ-Häftlinge aus dem Hotel Forelle konnte die Heimreise erst viel später antreten als die Geiseln. Sie wurden zu sogenannten „Displaced Persons“ (auf Deutsch „Vertriebene Personen“) (vgl. Lipp, 2016, S. 172). „Displaced Persons“ (DP) sind Menschen, die kriegsbedingt nicht an ihrem aktuellen Wohnort beheimatet sind. Sie benötigen Hilfe von außen, in diesem Fall von den Alliierten, um ihre Heimreise antreten zu können. Dies erwies sich in der Nachkriegszeit als schwieriges Unterfangen, da die Logistikkette des Krieges bei Kriegsende zusammengebrochen war und viele Verkehrswege zerstört waren.

Das Lager Ammerwald verließ Kronprinz Rupprecht von Bayern mit den fünf Prinzessinnen und seiner Gemahlin als Erster (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 10). Ein amerikanischer Soldat holte diese mit einem Privatauto ab und fuhr sie zu dem nahegelegenen Schloss Hohenschwangau (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 329). Eine Woche später verließ Prinz Albrecht mit seinen Angehörigen das Lager (vgl. Lipp, 2016, S. 173). Somit konnten die in der hierarchischen Ordnung höhergestellten Adeligen zuerst die Heimreise antreten und die restlichen Häftlinge mussten sich vorerst noch gedulden und im Lager bleiben. Paul Weiher beschreibt einen Personenrückgang von 18 Personen. Somit verweilten noch 42 Personen im Lager. Laut Weiher wurden am 30. Juni 1945 alle DPs nach Reutte gebracht. Alle Personen mit Kindern kamen in das Gasthaus „Waldrast“ in Ehenbichl und die übrigen Personen, unter anderem Weiher, in den Gasthof „Goldene Krone“ in Reutte. Die DPs verbrachten nun ihre Zeit mit vielen Spaziergängen (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 10). Wäre die Eisenbahnbrücke nach Garmisch nicht von den Nationalsozialisten bombardiert worden, hätten sie ihre Heimreise früher antreten können (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 11). Erst am 1. Oktober 1945 wurde die Bahnstrecke Reutte über Garmisch nach Innsbruck wieder geöffnet. Am 17. Oktober erfolgte nun die Abholung durch das Rote Kreuz. Weiher erinnert sich, dass ein sogenannter Herr Dorn die restlichen 33 Personen in einem Sonderwagen über die Grenze brachte (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 12).

Unter allen „Displaced Persons“ liegen nur Unterlagen von Weiher vor. Allgemein berichtet Weiher von einer sehr schönen Zeit im Außerfern, mit freundlichen und hilfsbereiten Bürgern (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 12). Außerdem bedankt er sich oftmals bei den Ortsbewohnern für „all die Hilfe und Liebe“, die sie gegenüber den Sippenhäftlingen aufgebracht haben (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 13).

Die französische sowie amerikanische Militärverwaltung und nicht zuletzt die Bevölkerung und der Herr Bürgermeister Hosp des Marktes Reutte, haben alles für uns Sippenhäftlinge getan, was sich überhaupt zu dieser Zeit tun ließ (Paul Weiher, 1990, S. 12).


Schließlich kommt Weiher am 28. 10. 1945 in seinem Heimatort an und beendet somit seine Sippenhaft (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 13).



5.2 - Das Leben im Lager


Ähnlich wie im Hotel Forelle waren die Räumlichkeiten und auch die Verpflegung den Umständen entsprechend passabel (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 6). Der Amtsarzt Knirsch berichtet von einem „milden Lager“ (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Er selbst ist zweimal pro Woche dort gewesen (vgl. Lipp, 2016, S. 169). Gleich wie das Hotel Forelle wurde das Lager von der SS bewacht (vgl. Taferner, 1997, S. 9), jedoch wurde es wegen seiner Abgeschiedenheit nicht zusätzlich durch einen Zaun geschützt (vgl. Taferner, 1997, S. 16).

Die Insassen durften mit Begleitung eines SS-Wachmanns die Anlage für Spaziergänge verlassen (vgl. Lipp, 2016, S. 169). Es ist nicht bekannt, wie viele SS-Soldaten im Lager beschäftigt waren, es ist lediglich der Name des Lagerbefehlshaber Nierburg und des Obersturmführers [21] Grudno bekannt (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 6-7). Weiher bestätigt, dass es in diesem Außenkommando keine gewalttätigen Übergriffe oder Misshandlungen gab und die Häftlinge ordentlich behandelt wurden (vgl. Taferner 1997, S. 16).

Die Häftlinge bekamen tagsüber kleine Aufgaben von der Wirtin zugeteilt, wie zum Beispiel Geschirrwaschen oder Putzen (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 324). Die männlichen Insassen mussten auch Holz mit der Axt spalten, da es im Lager keine Zentralheizung gab (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 6). Weiher verweigerte diese Aufgaben strikt und verbrachte seinen Tag mitten im Wald, um „die gute frische Gebirgsluft“ einzuatmen. Er fungierte als Kompanie-Schuhmacher (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 5). Weiher war in Zimmer Nummer 65 in der dritten Etage untergebracht, wo auch seine Werkstatt eingerichtet war (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 6). Da die Lagerbestandszeit nur so kurz war, gab es wenig bis keine relevanten Aufgaben für die Häftlinge.

Albrecht gelang es in einem Moment, in dem Nierburg unaufmerksam war, mit Hilfe des Herren Janibar, eines Mithäftlings, vor den Waldarbeiten zu fliehen und zum Hotel Forelle zu rennen (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 324). Dort stieß er auf einen alten Mann und berichtete diesem von der Existenz des Lagers im Ammerwald, um sicherzugehen, dass die Alliierten im Falle der Befreiung von dem Außenkommando Bescheid wussten. Albrecht ist daraufhin wieder im Ammerwald angekommen, ohne dass die SS-Wachmannschaft den Fluchtversuch mitbekommen hatte (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 325). Aus dem Umstand, dass der Fluchtversuch unbemerkt geblieben ist, kann man schließen, dass auch die Bewachung der Häftlinge sehr locker gehalten wurde und nicht vergleichbar mit einem anderen Lager ist.

Prinzessin Irmingard berichtet von einer Frau, die mit dem Fahrrad im Lager eintraf, um einem Häftling heimlich ein Paket mit einem Zettel zu übergeben. Es stellte sich heraus, dass diese Frau eine Lagerärztin in Dachau war und die Sippenhäftlinge vor einer Vergiftung warnen wollte. In dem von ihr mitgebrachten Paket befand sich ein Gegenmittel für die gesamte Mannschaft. Die Vermutung erwies sich als richtig, da das Muskelgift Strychnin schon für die Häftlinge gelagert wurde. Es ist nicht bekannt, warum die Insassen dann schlussendlich doch verschont blieben (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 325).

Laut einiger Hinweise war die alltägliche Behandlung der Häftlinge in diesem Lager vergleichsweise gut, was sich jedoch hinsichtlich der mangelhaften Zeugenaussagen und der kurzen Bestandszeit schwer beurteilen lässt.



5.3 - Die Befreiung im Ammerwald


Gegen Ende April bemerkte die Wachmannschaft den Ernst der Lage, da die Armeen der Alliierten ständig weiterrückten (vgl. Taferner, 1997, S. 16). Am 29. April 1945 wurden alle Häftlinge in das Büro von Nierburg gerufen. Dort wurden ihnen ihre Papiere mit zusätzlich 20 Zigaretten übergeben, mit der Bemerkung, „daß er nicht wüßte, was die Amerikaner, wenn sie kämen, mit uns machten“ (Paul Weiher, 1990, S. 7). Gemäß Irmingards Aussagen wurden jedoch all ihre Papiere vernichtet und sie konnten sich bei der Befreiung nur mündlich ausweisen (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 327). Diese Aussage steht nicht im Einklang mit dem Brief von Heinz Weiher an die Marktgemeinde Reutte, da er dort die Papiere von Paul beilegte (vgl. Heinz Weiher, 1990). Laut Irmingard flüchteten alle SS-Wachen und nur Nierburg blieb im Lager (vgl. Irmingard von Bayern, 2010, S. 325).

Einen Tag später befreite die amerikanische Truppe schließlich, wie oben erwähnt, am Vormittag das Hotel Forelle und am Nachmittag das Lager im Ammerwald (vgl. Lipp, 2016, S. 172). Die Gefangenen in der Forelle und die Alliierten wussten dank Albrecht von dem zweiten Außenkommando im Außerfern. Als die französischen Diplomaten den Ammerwald erreichten, „herrschte unbeschreibliche Freude“ unter den Häftlingen (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 7). Nierburg stellte sich sofort und wurde anschließend inhaftiert. Die Sippenhäftlinge waren somit befreit (vgl. Paul Weiher, 1990, S. 8). Das Gebäude diente noch bis 29. Juni 1945 als Unterkunft für jene Sippenhäftlinge, die ihre Heimreise nicht antreten konnten (vgl. Lipp, 2016, S. 169).

Knirsch erzählt von einem zusätzlichen Lager 200 Meter hinter dem Hotel Forelle (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Es handelte sich um einen einzelnen Barackenbau (vgl. Lipp, 2016, S. 174). Dort wurden laut Aussagen von Knirsch 20 „junge jüdische Frauen“ aus Dachau festgehalten. Sie seien ein bis zwei Monate vor Kriegsende dorthin verschleppt worden (vgl. Interview Knirsch mit Lipp, 1981). Lipp geht von der Tatsache aus, dass es sich um eine „versprengte Gruppe“ von Häftlingen handelte, die kurz vor der Befreiung des KZ Dachaus in Todesmärschen [22] nach Tirol gebracht wurden (vgl. Lipp, 2016, S. 174). Der Kapo Bantel berichtet, dass 30 Frauen nach der Befreiung an den Plansee gelangten. Er geht davon aus, dass diese polnischen und tschechischen Frauen vom „Schloss Itter“ kamen (vgl. Akt 354, 1967). Es liegen keine Berichte vor, dass dieses Lager mit den anderen befreit worden ist, daher bleibt die Existenz zweifelhaft. Möglicherweise wurde die Häftlingsgruppe während des Todesmarsches befreit und nur kurzzeitig in einem ehemaligen Lager untergebracht, bis sie eine andere Unterkunft fanden.

Auch die Leitung der beiden Lager, Hotel Forelle und Außenkommando Ammerwald, wird einstimmig als vergleichsweise sehr human beschrieben. Sowohl Erfurt als auch Nierburg gelten als Personen, die ihre Autorität nicht durch nationalsozialistische Minderheitsunterdrückungen und Foltermaßnahmen beweisen mussten. Taferner beschreibt dies als „Nobelgefängnis“, da die für Konzentrationslager typischen Vernichtungsmaßnahmen in diesem Lager nicht vorgesehen waren (vgl. Taferner, 1997, S. 17). Das „Nobel-KZ“ wurde im Bezirk nicht geheim gehalten, jedoch haben die Bewohner ein komplett falsches Bild dieser Lager und deren Insassen, welche mehr Freiheiten genossen, als in der Bevölkerung angenommen wurde.



5.4 - Die Gedenkzeichen am Plansee und im Ammerwald


Das Gedenken an den Nationalsozialismus kommt in den Bezirken Tirols oftmals zu kurz. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen Opfer des NS-Regimes wurden und welche Auswirkungen die radikal-antisemitische Diktatur des Nationalsozialismus hatte, sollte dieser Abschnitt unserer Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Gedenkstätten werden errichtet, um der Bevölkerung die nationalsozialistische Vergangenheit und deren brutale Folgen für die gesamte Menschheit vor Augen zu führen und um die Opfer des Krieges zu ehren.

Zusätzlich werden, gerade in Bezug auf die NS-Vergangenheit, die Verleugnung und Verdrängung verhindert. Es soll nicht vergessen werden, wie viele Menschenleben es gekostet hat, um wieder Frieden und Wohlstand, so wie wir ihn gewohnt sind, in unser Land zu bringen. Zudem soll auch daran erinnert werden, in welch erschreckend kurzer Zeit die Nationalsozialisten 1933 Ansehen und Anhänger durch die unzufriedene Bevölkerung erhielten und dutzende Nationen in einen verheerenden Krieg führten. Da die Anzahl an Zeitzeugen, die diese schrecklichen Geschehnisse miterlebten, immer geringer wird, sollte insbesondere die junge Generation unter anderem durch Gedenkorte auf die Gräueltaten des NS-Regimes aufmerksam gemacht werden.

In den beiden Außenkommandos in Reutte ist die Gedenkzeichensetzung spärlich. Weder das Hotel Forelle noch das Alpenhotel Ammerwald dient als Erinnerungsort. Es wurde weder eine Erinnerungstafel aufgestellt, noch finden dort Gedenkfeiern statt. Auf der Homepage des Hotels Ammerwald befindet sich eine Chronik des Hotels. Dort ist eine Zeitleiste von 1897 bis heute angeführt (vgl. Chronik Ammerwald). Dieser Chronik kann man entnehmen, dass das Hotel von 1943 bis 1945 als ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau fungierte. Genaueres zu der Geschichte des Hotels findet man in der „Schmankerl Zeitung“, welche in der Chronik zu finden ist. In ihr wird die Historie des Gebäudes gründlicher aufgearbeitet. In der Zeitung wird nur kurz angeführt, dass das Hotel Ammerwald und das Hotel Forelle Außenstellen des KZ Dachaus waren und welche Häftlingsgruppen dort inhaftiert wurden (vgl. Schmankerl Zeitung).

Durch die mangelnde Erinnerungskultur an den Orten der ehemaligen Außenlager des Konzentrationslagers Dachau ist das Bewusstsein über die damalige Existenz dieser Lager in der Außerferner Bevölkerung nur spärlich vorhanden. Der jungen Generation fehlt nach und nach der persönliche Bezug zum Zweiten Weltkrieg durch die schwindende Anzahl an Zeitzeugen und deren Erzählungen. Auch die immer größer werdende zeitliche Distanz zu diesem Krieg trägt dazu bei, dass die Geschehnisse weniger greifbar sind. Es gerät immer mehr in Vergessenheit, dass Kriegshäftlinge in unmittelbarer Nähe zur Heimat aller Außerferner inhaftiert waren und dass die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges den Bezirk Reutte nicht unbeeinflusst ließen. Um dem „In-Vergessenheit-Geraten“ entgegenzuwirken, könnten Gedenkstätten beim heutigen Hotel Forelle und Alpenhotel Ammerwald angebracht werden, welche auch für geschichtliche Schulexkursionen leicht zu erreichen wären.

Die Bürger des Landes Österreich haben heutzutage das Privileg, einen Alltag erleben zu dürfen, der von Wohlstand und Friede geprägt ist. Es sollte jedoch auch in Erinnerung gerufen werden, dass dieser temporäre Zustand keine Selbstverständlichkeit darstellt und dass es viele Opfer gekostet hat, diesen Status überhaupt zu erlangen.



6 - Schluss


Außenlager und Außenkommandos des Hauptlagers Dachau sind meist mit unzureichender Versorgung, niedrigen sozialen Standards, Gewalteingriffen und maßlos überfüllten Unterkünften verbunden. Da Häftlinge auch außerhalb des Hauptlagers für Arbeitsdienste eingesetzt wurden, sind Außenstandorte errichtet worden, die Unterkunft und Versorgung für die Häftlinge bieten sollten. Die Qualität der Lager wurde meist auch außerhalb des Hauptlagers nicht besser.

Zusammenfassend lässt sich erwähnen, dass die Außenkommandos am Plansee und im Ammerwald nicht dem Bild entsprechen, das wir vom KZ Dachau kennen. Sowohl die „Nobelgefangenen“ wie die bayerische Adelsfamilie im Ammerwald oder die französischen Offiziere im Hotel Forelle als auch die KZ-Häftlinge wurden vergleichsweise menschlich behandelt. Der Umgang mit den Gefangenen war, soweit es bekannt ist, korrekt. Es kam laut Zeugenaussagen zu keinen Gewalttätigkeiten beziehungsweise die Gewalttätigkeiten wurden vom Lagerleiter unterbunden. Auch die Verpflegung und die Unterkunft waren im Vergleich zum Hauptlager hochwertig. Demgemäß kann man nicht von einem typischen Außenkommando sprechen.

Abgesehen davon, dass die „Nobelgefangenen“ im Vergleich zu den KZ-Häftlingen keine Arbeit verrichten mussten, hatten sie einige Freiheiten. Das Privileg, ohne jegliche Bewachung spazieren zu gehen und dabei das Lagergelände teils sogar verlassen zu dürfen, ist für ein gewöhnliches Außenlager untypisch. Die KZ-Häftlinge selbst waren den anderen Insassen unterstellt. Sie bedienten und verpflegten die „höhergestellten“ Häftlinge. Dennoch hatten sie, soweit bekannt, keine besonders schweren Lagertätigkeiten auszuführen und hatten keine so langen Arbeitszeiten wie Gefangene in anderen Lagern.

Die Existenz eines dritten Lagers hinter dem Hotel Forelle bleibt fraglich, da keinerlei Informationen zum Aufenthalt der Häftlinge vorhanden sind. Auch in Dachau wurde kein weiterer Standort für ein Außenkommando vermerkt. Die Aussagen von Zeugen widersprechen sich, dies erschwert die Glaubwürdigkeit dieser Quellen.

Die Lager stellen trotz den vergleichsweise „guten“ Umständen ein Unrecht der NS-Zeit dar. Auch wenn die Bedingungen in den Außenkommandos am Plansee und im Ammerwald vergleichsweise mild erscheinen, muss das Unrecht, das geschehen ist, deutlich gesehen und ausgesprochen werden: Menschen wurden von einem verbrecherischen Regime interniert. Die Gräuel der NS-Zeit und die Verbrechen im KZ Dachau und den anderen Vernichtungs- und Arbeitslagern werden in keiner Weise relativiert oder verharmlost, wenn darauf hingewiesen wird, dass in zwei Lagern die Bedingungen anders waren. Man muss auch bedenken, dass möglicherweise nicht alle Geschehnisse dokumentiert worden sind. Somit sind Gewalt unter den Häftlingen oder einzelne Übergriffe durch Wachposten nicht auszuschließen.



Quellenverzeichnis


Primär Quellen:

Archiv Dachau: Ermittlungsverfahren. Akt 1561. Ludwigsburg 1974.

Archiv Dachau: Berichte Bantel Ludwig. Akt 354. Stuttgart 1967.

Archiv Dachau: Außenkommando, Plansee Tirol. Akt 356. Saarbrücken 1947.

Privatarchiv Lipp: E-Mail von Heinz Weiher. Rosswein 1990.

Privatarchiv Lipp: Zeugenaussage Marcel Diebolt. 1986.

Privatarchiv Lipp: Interview mit Ernst Knirsch. Reutte 1981.

Privatarchiv Lipp: Interview mit Siegfried Singer. Reutte 1995.



Sekundär Quellen:

Alpenhotel Ammerwald: Chronik. In: Chronik - Alpenhotel Ammerwald (online.de) [Zugriff am 28. Dezember 2020]

Alpenhotel Ammerwald: Schmankerl Zeitung. In: chronik.pdf (online.de) [Zugriff am 28. Dezember 2020]

Distel, Barbara/Benz, Wolfgang: Das Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945. In: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (archive.org) [Zugriff am 28. Dezember 2020]

Hartmann, Evelyn: Die Befreiung von Reutte 1945. In: Die Befreiung von Reutte 1945 - Reutte (meinbezirk.at) [Zugriff am 28. Dezember 2020]

KZ-Dachau: KZ Dachau 1933-1945. In: KZ Dachau 1933–1945 | KZ Gedenkstätte Dachau (kz-gedenkstaette-dachau.de) [Zugriff am 28. Dezember 2020]

Lipp, Richard: Kriegsereignisse im Außerfern (X) – Am Rande des großen Krieges. In: Außerferner Nachrichten. 5. Dezember 1981.

Lipp, Richard: Neues aus der alten Zeit. In: Außerferner Nachrichten. 17. Juni 1995.

Lipp, Richard: Nationalsozialistische Lager im ehemaligen Kreis Reutte. In: Museumsverein des Bezirkes Reutte (Hg.): Extra Verren 2016. Jahrbuch des Museumvereins des Bezirkes Reutte. Reutte: Museumsverein des Bezirkes Reutte 2016, S. 163-200.

Naumann, Markus: Spuren im Wald. Messerschmitt/Werkzeugbau Kottern und das KZ-Außenlager on Fischen. Friedberg: Likias Verlag 2017.

Prinzessin Irmingard von Bayern: Jugend-Erinnerungen 1923-1950. 3. Auflage. St. Ottilien: EOS-Verlag 2010.

Schalm, Sabine: Überleben durch Arbeit? Außenkommandos und Außenlager des KZ Dachau 1933.1945. 2. Auflage. Berlin: Metropol Verlag 2012.

Taferner, Elisabeth: Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Außerfern. Eine Untersuchung mit Unterstützung der Oral History. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck. Innsbruck: 1997.



Anhang


Interview mit Bruno Hosp:


V: Hallo Bruno, wie ausgemacht, würde ich dir gerne ein paar Fragen bezüglich meiner vorwissenschaftlichen Arbeit zu den beiden KZ-Außenlagern am Plansee und im Ammerwald stellen.

B: Ja, sehr gerne, Jana!

V: Dann starten wir. Inwiefern bist du Zeuge des Außenlagers Forelle?

B: Dort war eine Alm in der Nähe des Hotels Forelle und diese gehörte meiner Tante, also von meinem Vater eine Schwester. Dort bin ich als Bube bis zu meinem 12. oder 14. Lebensjahr jedes Jahr im Sommer gewesen. Den ganzen Sommer. Als ich 1945 wieder auf die Hütte fuhr, war im Hotel die französische oder amerikanische Besatzung. Auch Marokkaner mit einem Turban auf waren im Hotel und das weiß ich noch ganz genau, ich half immer zu hirten. Ein Marokkaner setzte mir einmal seinen Turban auf und setzte meinen Hirtenhut auf seinen Kopf. Ich weiß nicht, ob dir diese Information für deine Arbeit hilft.

V: Okay, vielen Dank! Diese Informationen sind sehr wohl wichtig für mich, danke. Kannst du mir ungefähr erklären, wie das KZ aufgebaut war?

B: Ja, an 1944 kann ich mich noch gut erinnern, dort war ich acht Jahre alt und wie jedes Jahr auf der Hütte, da bemerkte ich einen Stacheldrahtzaun um das Hotel Forelle bis zum Ende des Baches, der vom Ammerwald herauskommt. Der Zaun reichte bis zum See und schloss die gesamte heutige Liegewiese mit ein. Der Zaun war zwei bis drei Meter hoch. Umzingelt von dem Zaun war ein Konzentrationslager, das von deutschen Soldaten der SS bewacht worden war. Sie haben dort mit Gewehren Patrouille gemacht. Sie sind mit Gewehren rund um den Stacheldrahtzaun gegangen und haben diesen bewacht. Das weiß ich noch genau. An einem Tag haben sich alle Soldaten nackig ausgezogen und sind in den Plansee schwimmen gegangen.

V: Befand sich innerhalb des Zaunes abgesehen vom Hotel noch ein Gebäude?

B: Nein, nur das Hotel und eine kleine Holzhütte mit einem Boot darin. Ein gewöhnliches Boot war das. Sonst war da gar nichts. Und gegenüber, dort wo heute das neue Hotel Forelle steht, stand außerhalb des Zaunes ein Gebäude, in dem die Soldaten meines Wissens nach untergebracht wurden. Dies hat man später abgerissen. Es steht heute nicht mehr.

V: Und bist du in Kontakt mit den Häftlingen oder den Soldaten gekommen?

B: Nein, da das gesamte Areal gut geschützt war mit Holztürmen und dem Stacheldrahtzaun und da ich ein kleiner Bub war, hielt ich Abstand zu den Soldaten.

V: Und hast du dort auch Häftlinge gesehen?

B: Ja, aber nicht sehr viele. Sie konnten sich innerhalb des Zaunes frei bewegen, aber es waren wenige Gefangene, sehr wenige.

V: Und weißt du noch, wie viele es ungefähr waren?

B: Nein, derzeit nicht mehr.

V: Okay, kein Problem! Im Lager selbst waren sowohl höhere Offiziere aus Frankreich, England und Belgien inhaftiert als auch KZ-Häftlinge aus dem KZ Dachau. Diese trugen eine KZ-Kleidung.

B: Ja genau, ich kann mich noch gut erinnern, dass manche so komische Kleidung trugen, aber ob dies die KZ-Kleidung war, weiß ich nicht mehr.

V: Genau, das waren die KZ-Häftlinge. Die anderen trugen normale Kleidung, oder?

B: Ja, ich erinnere mich, dass manche auch normal gekleidet waren.

V: Okay, danke! Hast du im KZ irgendwelche Gewalttaten oder Ähnliches bemerkt?

B: Nein, diese sind mir nicht bekannt. Aber sie dürften gut behandelt worden sein, da sie ja auch Freiraum hatten.

V: Meinst du Freiraum im KZ oder auch außerhalb der Zäune?

B: Sowohl innerhalb als auch außerhalb. Ich habe gehört, dass auch Häftlinge in Reutte waren, um Einkäufe zu erledigen. Aber ob dies stimmt, kann ich nicht bestätigen, da ich es selbst nicht gesehen habe. Aber ich kann bestätigen, dass die Häftlinge im Lager sich frei bewegen konnten.

V: Okay, vielen Dank! Eine Frage habe ich noch: Ist dir, als du auf der Hütte deiner Tante warst, eine Sennerei aufgefallen? Ich fand in meiner Literatur eine Information über eine Sennerei am Berg, in der anscheinend die SS-Soldaten untergebracht worden sind. Ist dir diese bekannt?

B: Ja, sie ist mir sehr wohl bekannt. Das war eine Alm mit einer Sennerei und einem großen Stall mit 40 Kühen darin. Diese Kühe sind von den Breitenwanger Bauern gewesen und das Gebäude gehörte der Agrargemeinschaft Breitenwang. In dieser Hütte habe ich selbst gebuttert. Das weiß ich noch gut. Aber ob dort SS-Soldaten untergekommen sind, kann ich nicht beurteilen. Gesehen habe ich keine.

V: Okay, sehr interessant. Und zu guter Letzt habe ich noch eine Frage. Rund 200 Meter hinter dem Hotel Forelle stand eine einzelne Baracke. In ihr sollen sich auch weibliche KZ-Häftlinge befunden haben, jedoch ist dies sehr umstritten und nicht bewiesen. Kannst du dazu etwas sagen oder ist dir dort etwas aufgefallen?

B: Ich glaube, ich kenn das Gebäude, das du meinst. Wenn du vom Plansee in Richtung Ammerwald fährst, steht auf der rechten Seite ein großes Haus. Ein ganz großes Haus. Dort bin ich aber leider nie hingekommen. Ich bin nach dem Krieg, 1945 glaube ich, in das Haus gegangen und fand viel zurückgelassenes Zeug wie Zeitschriften, Bücher und so weiter. Aber ob dort einmal Frauen gefangen waren, kann ich nicht sagen. Ich kann mich noch gut zurückerinnern, aber dies weiß ich nicht mehr.

V: Okay, perfekt. Dann bin ich mit meinen Fragen soweit fertig. Ich möchte mich noch einmal recht herzlich bei dir bedanken, dass du dir die Zeit genommen hast, mit mir ein Interview zu führen. Es hat mir sehr viel geholfen und die Informationen sind sehr wichtig für mich, da die Literatur nicht sehr ergiebig ist. Also vielen Dank, Bruno, ich werde mich revanchieren!

B: Es freut mich, dass ich dir helfen konnte! Auf jeden Fall wünsche ich dir weiterhin alles Gute bei deiner Arbeit!



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