Die Zeitleiste - Außerferner Chronik


Was war los im Außerfern im Jahr 1871



Schwabenkinder die im Badischen und im südlichen Württemberg verdingt und recht nahe an den Kriegsschauplätzen des deutsch-französischen Krieges untergebracht waren berichteten, dass sie deutlich das donnern der Kanonen vernommen und auch gesehen hatten wie etliche Soldaten in die Lazarette getragen wurden. Auch wurden vereinzelt Krankheitsfälle die die Hütkinder mit nach Hause brachten diesem Umstand zugeschrieben, da vor allem in Baden einige Seuchenherde zu finden waren

Mitte Februar grassieren die Blattern in der Aschau und nur all zu oft werden auch Todesfälle gemeldet. Die Schulen werden geschlossen und an der Lechbrücke ein Wache aufgestellt, die niemanden passieren lässt. Die bevorstehenden Faschingsunterhaltungen werden abgesagt

In Österreich-Ungarn wird das metrische System per Gesetz eingeführt


collections_bookmark  Detailinformationen und weitere Ereignisse des Jahres 1871

Die Blattern-Epidemie im Bezirke Reutte, über welche unser Blatt wiederholt Nachrichten gebracht hat ist nunmehr nach fünfmonatlicher Dauer beendet, und die dabei gemachten ärztlichen Beobachtungen haben Resultate ergeben, welche auch für das Publikum im Allgemeinen von Interesse sind. Es hat sich nämlich dabei die große wahrhafte Nützlichkeit der Kuhpockenimpfung als Vorbauung so wie als Linderungsmittel erwiesen. In ersterer Beziehung ist anzuführen, daß die allgemeine Schutzpockenimpfung im Bezirke Reutte nach dem Ausbruche der Blattern, im Jänner, vorgenommen wurde. Wo selbe haftete und ihren Verlauf ungestört durchgemacht hatte, kamen nirgends Blattern zum Ausbruche; nur wo die Impfung zu spät vorgenommen wurde, als bereits der Ansteckungsstoff in den Körper eingedrungen war, ließ sich der Ausbruch der Blattern nicht mehr hintanhalten, so daß z. B. in einigen Fällen die Kuhpocken und die Menschenpocken zu gleicher Zeit in der Blüthe standen, oder letztere selbst um 8 Tage später austraten. Allerdings dauert der Schutz der Kuhbocken gegen die Blattern nicht durch das ganze Leben hindurch, sondern ein je größerer Zeitraum seit der Kuh-Pockenimpfung verflossen ist, desto leichter erkranken Individuen an Menschenpocken.

Reaktion der Haut nach einer Kuhpockenimpfung - Bild: King's College London
Reaktion auf Kuhpockenimpfung
Bild: King's College London
Allein auch dann treten die Menschenpocken gelinder auf, als bei ungeimpften. Zahlen mögen dieses darthun. Von 34 ungeimpften Personen, welche von den Blattern befallen wurden, sind nach den ämtlich gepflogenen statistischen Erhebungen 11 gestorben, somit 32,30%, dagegen starben von 270 geimpften Blatternkranken 16, somit 6,90%; ein Unterschied der klar genug in die Augen springt, und selbst da ist es nicht bestimmt, ob bei den als geimpft angegebenen seinerzeit die Kuhpocken einen normalen Verlauf gehabt haben. Der Werth der Kuhbockenimpfung darf daher keineswegs unterschätzt werden, und es ergeht aus diesen Daten ein lauter Mahnruf an Eltern, Pflegeeltern und Vormünder, die ihnen anvertrauten Kinder der Wohlthat der Kuhpockenimpfung theilhaftig werden zu lassen, für die Verbreitung der Schutzpockenimpfung, die ohnehin auf Kosten des Landesfondes geschieht möglichst zu wirken, aber auch nach einer Reihe von Jahren nach der Erst-Impfung auf die Wiederimpfung zu dringen, damit der Schutz gegen die Blattern um so länger daure. Auch den noch bei Vielen vorhandenen Wahn, als könne man die Blattern nicht auch ein zweitesmal bekommen, hat diese Epidemie vollends zerstört, indem 14 Personen während derselben zum zweiten Male davon ergriffen wurden; bei allen war jedoch zwischen den beiden Erkrankungen der Zeitraum von wenigstens 6 Jahren verflossen.

Diese Epidemie bewies ferner die große Ansteckungsfähigkeit der Blattern und deren allzuleichte Verschleppung von einem Orte zum andern. Eingeschleppt wurde die Erkrankung Mitte November 1870 durch zwei aus Ingolstadt nach Winkl heimkehrende Arbeiter, wovon einer in Ingolstadt die Blattern überstanden und der andere dem selben Wärterdienste geleistet hatte. Es erkrankte in Winkl dieser zuerst, und bald darauf erkrankten auch einige seiner Geschwister und Nachbarn an den Blattern. Ende Dezember hatten die Nachbarorte Holz und Wängle zu leiden. Nach Weißenbach wurde die Krankheit im Jänner durch ein Mädchen gebracht, das, unbesonnen genug, das am meisten durchseuchte Haus in Winkl besucht hatte.

In Lech (Lechaschau) fand die Einschleppung durch einen Mann statt, der seinen blatternkranken Bruder in Buchenort gepflegt hatte. Nach Höfen wurde das Blatter Contagium durch eine Hausiererin aus Wängle, welche Wollenschuhe verkaufte, übertragen. Ein ungeimpftes Kind, das mit diesen Schuhen spielte, erkrankte zuerst und starb, bald darauf wurden aber auch der Vater und die Nachbarschaft von den Blattern ergriffen. Bis Mitte Februar waren schon Reutte, Ehenbichl und Breitenwang von der Krankheit heimgesucht.

Wer möchte da noch die Nothwendigkeit der Anwendung energischer sanitärer polizeilicher Maßregeln, die Strafbarkeit des Verheimlichens der Blatternfälle verkennen und sich nicht verpflichtet fühlen, die Ausführung solcher Maßregeln nach Kräften zu unterstützen , welche nur zum Wohle der Bevölkerung gereichen können. -- Im Ganzen ergaben sich während dieser Epidemie in der Pfarre Wängle auf 1507 Einwohner 270 Blattern-Erkrankungen, darunter 24 Todesfälle, in der Pfarre Reutte auf 2404 Einwohner 37 Erkrankungen und 3 Todesfälle, in Weißenbach auf 898 Einwohner 22 Erkrankungen, darunter 2 Todesfälle, und in Bichelbach mit 411 Einwohner 27 Erkrankungen.

Vorarlberger Landeszeitung, 1. Juli 1871



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