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Versunkenes Dorf im Almajurthal




In dem Seitenthale des Lechtels, wo jetzt die Alpe Almajur liegt, stand einst ein schönes Dorf. Es hatte in der Nähe ein Silberbergwerk, und die Leute wurden davon steinreich. Allein der Reichtum machte sie stolz und übermütig. So schlossen sie zum Beispiel Thüren und Fensterläden bei helllichtem Tage, weil sie nach ihrer Meinung Gottes Licht nicht brauchten und ihre Stuben und Säle selbst erleuchten konnten. Endlich war das Maß ihrer Frevel voll, und das ganze Dorf mit der schönen Kirche versank in einer stürmischen Nacht, so daß man keine Spur mehr davon sah. Lange Zeit nachher, vor etwa hundert Jahren, ging einmal ein Mann aus dem Dorfe Hägerau noch spät an diesem Platze vorbei. Da kam er zufällig in einen unterirdischen Gang, zündete sich eine Kerze, die er bei sich hatte, an und ging weiter, bis er in das Chor der versunkenen Kirche kam. Vor Staunen wäre er bald umgesunken, als er den Hochaltar mit funkelnden Silberleuchtern und im schönsten Schmucke sah. Als er sich gesammelt hatte, nahm er einen Leuchter, besah sich alles genau und trat dann den Rückweg an. Er wollte die Kirche eben verlassen; da sah er im hintersten Betstuhle einen alten Mann schlafen, der sich aber bald aufrichtete und den Bauer nach dem Jahre der Zeitrechnung fragte. Als der Alte die Antwort erhalten hatte, seufzte er: "Es ist noch nicht Zeit" und sank wieder auf die Bank zurück. Da packte den Mann kalter Schauder, er stürzte fort und eilte über Stock und Stein nach Hause. Hier angekommen erzählte er seinem Weibe alles, was er gesehen und gehört hatte, und zeigte ihr den kostbaren Leuchter. Dann legte er sich nieder - und erwachte nicht mehr, der er war morgens eine Leiche.
Reiser, 1895


In einem Aufsatz Christian Schnellers von 1864 wird der alte Mann im Gebetsgestühl mit dem alten Heidengott Wotan gleichgestellt:
"...doch auch Wodan, der große Gott, welcher im Untersberg und Kyffhäuser Kaisergestalt angenommen, sitzt hier im äußersten südwestlichen Gebiete unseres Gaues tief unter der Erde (Alpe Almajur bei Kaisers) in einer versunkenen Kirche, wo er in einem Stuhle schläft; auch er antwortete, wie Kaiser Carl und Kaiser Rothbart, einem vor hundert oder mehr Jahren eintretenden Mann, den er nach der laufenden Jahrzahl gefragt hatte, sein schwermüthiges schmerzlich trauiges: 'Noch ist es nicht Zeit!' und sank wieder in den Schlaf zurück..."





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