Mittwoch - 13. Nov. 2019


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Erlebnisse eines Schwabenkindes







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Seit 10 Jahren besteht in Landeck der "Verein zum Wohle der sogenannten Hütkinder", welche alljährlich im Frühjahre aus tirolischen Gemeinden nach Bayern, Württemberg und Baden ziehen, um sich durch Hüten des Viehes, durch Dienstleistungen bei Ochsen und Pferden, sowie durch Feldarbeit oder auch durch Überwachung kleiner Kinder etwas Geld und einige Kleidungsstücke zu verdienen. Das Schicksal dieser jugendlichen Auswanderer, welche jetzt auf Kosten des genannten Vereines die Hin- und Rückreise in bequemen Waggons der Arlbergbahn machen können und während der Fahrt gut verpflegt werden, war früher bedeutend härter. Die "Schwabenkinder", wie man solche junge Leute beiderlei Geschlechtes allgemein nannte und wohl noch nennt, mußten viel leiden, bis sie die Ufer des Bodensees erreichten und endlich nach Ravensburg kamen, wo die armen Kleinen am großen Markt zu Josefi von den anwesenden schwäbischen Bauern in Dienst genommen wurden.

Die Fußreise aus der Heimat in die Fremde nahm vier bis fünf Tage in Anspruch; übernachtet wurde in Ställen und Scheunen, die Nahrung erbettelt. Oft gab es auch bittere Tränen, welche das unterwegs schon sich einstellende Heimweh erpreßte. Doch der große Nothelfer St. Christoph, eine Riesenstatue aus Holz im Kirchlein am Arlberge, welche der Sage nach ein Hirtenknabe mit seinem Taschenmesser geschnitzt hat, war eben deshalb den Hütkindern besonders gut und gefällig; er stillte das Herzweh der über den Arlberg wandernden Knaben und Mädchen sogar mit seinem eigenen Fleische. Die Schwabenkinder trugen zuerst dem heiligen Mann ihr Anliegen vor und baten ihn um Hilfe, dann schnitten sie aus seinen Körperteilen kleine Holzstücke, welche als Talisman gegen Heimweg während des ganzen Sommers in der Tasche sorgfältigst verwahrt wurden. Wohl sah dieser große Kinderfreund, welcher den Frevel nur aus Mitleid sich gefallen ließ, recht übel zugerichtet aus, und seine von Messerstichen schwindsüchtig gewordenen Glieder bedurften eines sehr geschickten Arztes, welcher sich Anno 1899 in der Person des tüchtigen Pettneuer Bildhauers Alois Gröbner gefunden hat. Die Rückkehr der Hütkinder im Spätherbst vollzog sich ganz munter. Frohes Wiedersehen, klingendes Geld im Sacke, prächtige Kleider und ein Sträußchen auf dem neuen Hute, das machte fröhlichen Mut, der sich in frohen Liedern und lustigen Jauchzern kund gab, besonders wenn die glücklichen Heimzügler den griesgrämigen Vater Arl hinter sich hatten, der ihnen schon um diese Jahreszeit verderbendrohend wilde Schneestürme und eisige Winde aus vollen Backen entgegenblies.

Auch der in seiner Heimat Pettneu am 13. August 1902 zu früh aus dem Leben geschiedene Franz Kurz, welcher lange als Lehrer und Schulleiter in Kufstein segensreich wirkte, ist in seiner Jugend als Schwabenkind in das Ausland gewandert. Schreiber dieser Zeilen, welcher über 9 Jahre in Pettneu stationiert war, horchte jedesmal gerne zu, wenn der verdienstvolle Schulmann in den Ferien seine "Episode aus dem Schwabenland" erzählte; und das geschah oft, bei dieser und jener Gelegenheit. Lassen wir Herrn Kurz selber reden.

Im Frühjahre 1858 wollte ich zwölfjähriger Franzl mit anderen Schulgenossen in das Schwabenland gehen, um den lästigen Arbeiten zu Hause, besonders dem verhaßten Wurzelklauben in der Furche hinter dem Pfluge zu entkommen. Auch konnte ich in Schwaben einen Lohn in barem Gelde und hohe Stiefel verdienen und nebenher noch "Schwäbisch" lernen. Ich war etwas unternehmend veranlagt, mein Wille stark und die elterliche Erlaubnis zur Abreise endlich erwirkt. Bald wurde das Bündel geschnürt und mit einem Weibe paktiert, welches mich mit noch fünf anderen Pettneuer Knaben auf der Reise begleiten sollte. Der Abschied war mir leicht, und fort gings nun mit den Reisegefährten dem Arlberg zu. Bei St. Christoph, unserem gütigen Beschützer, war die Bitte bald angebracht und die hölzerne Reliquie als Talisman in der Tasche sicher aufgehoben. Die Parole lautete: "Wer die Grenzmark auf der Höhe überschreitet, darf nicht mehr zurück, sonst werden wir ausgelacht." Wir blieben fest, passierten munter verschiedene Dörfer Vorarlbergs und kamen endlich nach Bregenz. Ich staunte über das große Wasser mit den prächtigen Schiffen, dem weiten, weiten Horizonte und den vielen schönen, großen Ortschaften. Auch Lindau mit seiner langen Holzbrücke gefiel mir gut, doch hätte ich lieber Ravensburg, unser Ziel, gesehen, weil ich müde und daher bereits reisesatt war. "Noch eine Stunde", sagte die Begleiterin, als eben ein bärtiger Mann in einer Kalesche uns entgegenfuhr. Er hielt an und fragte, ob einer von uns Lust hätte, bei seinem Herrn bis 28. Oktober (Simon und Judas) Dienst zu nehmen. "Ja wohl", rief ich schnell, "wenn ich einen Gulden Hafti (Angeld), sieben Gulden Lohn, hohe Stiefel (Rohrstiefel) und ein doppeltes Hes (Kleid[ung]) bekomme." Meine Forderungen wurden sofort gewährt. Ich nahm nun Abschied von meinen weinenden Kameraden und meiner Führerin, der ich den Auftrag gab, daß sie mich ganz sicher um "Simonjudi" abholen und wieder in die Heimat zurückgeleiten möchte, was die gute Alte versprach. Ich fuhr nun mit dem unbekannten Manne davon. Dieser sagte nach einer Weile: "Junge, ich bin Großknecht und Schaffner auf dem Gute, wo du jetzt dienen mußt, mir hast du zu gehorchen."

Gegen Abend kamen wir in die Ortschaft Haargarten, zur Pfarrgemeinde Bodnegg gehörig. Vor einem stattlichen Bauernhofe, zum "Fuchsenbauer" genannt, wurde abgestiegen, und der Knecht stellte mich sogleich der Hausherrschaft vor mit den Worten: "So, da bring' ich auch einmal einen echten Tiroler." "Das freut mich Xavöri" (Xaver) sagte die rüstige Bäuerin. Ihr schwerkranker Gemahl reichte mir aus dem Bette heraus die Hand zum Gruße. Ich wurde also freundlich aufgenommen, reichlich und gut verpflegt, aber auch abends schon vom Knechte in meine täglichen Arbeiten im Stalle eingeweiht. "Gelt, dein Taufname ist Franz", sagte mein Vorgesetzter, der ziemlich stark angeheitert war, "so hat auch dein Vorgänger geheißen, der Schlingel, welcher uns vor kurzem davongelaufen ist; nun, ich hoffe, daß du als Tiroler fleißiger bist und besser acht gibst; also höre, diese Kühe, Ochsen und Pferde da sollst du täglich füttern; aber gib ihnen genug, damit sie keinen Hunger leiden." Getreu der gegebenen Anweisung reichte ich am nächsten Morgen den Tieren recht ausgiebige Portionen, erhielt aber vom Knecht, als er in den Stall kam, eine schallende Ohrfeige, welche von den Worten begleitet war: "Hab' ich gesagt, du sollst soviel (Futter) nehmen; wenn du so fortmachst, werden wir bald kein Heu und keinen Haber mehr haben; warte nur, ich werde dir das rechte Maß schon zeigen."

So sprach oder schrie vielmehr mein Gestrenger und gab mir dann eine zweite, viel kräftigere Ohrfeige. Ich hatte also gestern abends den Mann ganz falsch verstanden und ich sah nun ein, daß er sich wirklich bemühte, mir das "Schwäbische" praktisch und gründlich beizubringen. Seine diesbezügliche Methode jedoch machte mich stutzig und reifte in mir sogleich den Entschluß, Reißaus zu nehmen und mich am Markttage in Ravensburg anderweitig zu verdingen.

Dieser Plan gab mir viel zu denken, kam jedoch glücklicherweise nicht zur Ausführung, denn der Oberknecht wurde wegen gewohnheitsmäßiger Trunkenheit und rohen Benehmens, sogar dem kranken Hausherren gegenüber, von der Bäuerin bald entlassen und natürlich lachte mir darob das Herz im Leibe. Ein anderer, in jeder Hinsicht guter und liebenswürdiger Schaffner kam ins Haus, welcher mir nach drei Tagen schon in der Gegenwart der Frau seine Zufriedenheit aussprach, weil ich das Pferd und die Ochsen am Wagen und Pfluge geradezu "mustergültig" lenkte. Dieses Parere und Lob freute mich riesig und ich war beinahe stolz.

Der Tod erlöste endlich den Hausherrn Josef Hain von seinem langen Krankenlager, und nach ungefähr zehn Wochen reichte Agatha, die noch junge, hübsche Witfrau, einem stattlichen, liebenswürdigen Bauernsohne aus Waldburg namens Hansjörg, die Hand. Während der Brautzeit mußte der "Falb", das mutige Pferd im Stalle, von mir oft geputzt, an- und abgeschirrt werden. Ich hatte wirklich sehr viel zu tun, erhielt aber dafür als Hochzeitsgeschenk drei Zwanziger und einen schönen weißen Hut, welcher von der guten Magd Kreszenz, als ich am Hochzeitstage Gäste nach Bodnegg kutschieren mußte, mit einem Sträußchen geschmückt wurde. Beim Hochzeitsmahle half ich die Gäste bedienen, welche in großer Anzahl erschienen waren und lebhafte Gespräche austauschten. Der damals am Sternenhimmel aufgetauchte große Komet mit seinem Riesenschweife gab Anlaß zu verschiedenen ernsten und heiteren Deutungen. Einer der Gäste, ein altes Männlein mit heiterer Miene, sprach sogar, wahrscheinlich aus Spaß, die Meinung aus, daß der Weltuntergang nahe sei und ich daher sicher nicht mehr nach Tirol komme. Ich meinte dagegen, daß das Werkl vielleicht doch noch 45 Tage halten könnte, und wenn ich dann wieder die Berge erreicht hätte, wäre ich gewiß außer Gefahr. Diese 45 Tage waren auch bald um und gleich dem Herodes wartete ich mit Ungeduld auf die Ankunft meiner Begleiterin, welche mich nach Hause führen sollte. Endlich kam sie, die gute Person, und wurde von mir mit Freude begrüßt. Der Reisesack wurde gepackt und die langen Stiefel darüber gebunden, die sieben Gulden Lohn, bestehend in drei großen Talern, dankbarst in Empfang genommen und in die innere Rocktasche gelegt. Mit dem Versprechen, nächstes Jahr wieder zu kommen zu wollen, nahm ich herzlichen Abschied von den guten, mir recht lieb gewordenen Leuten.

Froh gings nun fort zum schwäbischen Meere, das ich während des Sommers täglich aus der Ferne gesehen. Wie jubelte meine Seele, als ich wieder der lieben Tiroler Berge ansichtig wurde, welche nach meiner Meinung den Weltuntergang überdauern. Im Gasthofe zum "Löwen" in Klösterle vor dem Arlberge wurde zum letztenmale übernachtet. Weil meine Begleiterin als Verwandte des Wirtes einige Tage dort sich aufhalten wollte, übergab man mich der Obhut einer Bekannten aus Kappl im Paznaun, welche gleichfalls ihren Sohn aus dem Schwabenlande abgeholt und im genannten Gasthaus geschlafen hatte. Über die Nacht war ziemlich viel Schnee gefallen, der uns aber nicht hinderte, am Morgen unsere Reise fortzusetzen, pochte ja das Herz laut und mit jeder Minute lauter aus Freude über das baldige Wiedersehen der Lieben in der Heimat. Bei eisigem Nordwind und heftigem Schneewehen ging es dem Dörfchen Stuben zu. Der Schnee wurde stets tiefer und kaum vermochte ich mehr meiner neuen Führerin und ihrem starken Sohne zu folgen; beide waren bereits schon außer Sicht. Ein gewaltiger Sturm warf mich in den Schnee, raubte mir mein weißes Hütlein und trieb es über die Felder dem Talfuß zu. Schnell sprang ich hinunter, ereilte und entwand mein Kleinod dem frechen Räuber, bevor es eine weitere Beute des Alfenzbaches wurde. Mühsam erkletterte ich dann, mit den Händen im Schnee wühlend, die Böschung zur Landstraße, wo ich meinen Knotenstock mit dem daranhängenden Päcklein wieder fand und über die Schulter schwang. Vergeblich blickte ich nach meiner Begleiterin aus, welche, wie es später sich herausstellte, geglaubt hatte, ich sei wegen des heftigen Sturmes nach Klösterle zurückgekehrt.

Weinend und mit dem Sturm ringend, setzte ich den Weg nach Stuben fort, das ich nach meiner Meinung doch bald erreichen müsse. Wiederholt wurde ich vom Sturm, der immer zunahm, in den Schnee geworfen. Mich fror entsetzlich, besonders an der rechten Hand, die den Stock hielt. Ich wechselte und wollte sie in den Hosensack stecken, allein es ging nicht, Finger und Hand waren zu starr und steif. Ich wurde schläfrig, meine Kräfte schwanden, als ich oberhalb der Straße eine Kapelle erblickte, in der sich Schutz und Wärme suchen wollte. Ich stieg den Rain hinan, sank aber erschöpft in den Schnee und - der Todesschlummer umfing mich - Männerstimmen schlugen an mein Ohr, ich erwachte durch unsanftes Ziehen, Schütteln und Zerren an Händen und Füßen aus meinem Schlafe. Von Bregenz kommende Soldaten waren meine Lebensretter. Sie schleppten mich nach Stuben, wo mir durch die Frau Postmeisterin Fritz, einer bekannten Samariterin, die sorgfältigste Pflege zuteil wurde.

Gott lohne es ihr und den braven Soldaten millionenmal! Meine Ohren und Hände waren hart gefroren und konnten nur durch ärztliche Hilfe gerettet werden. Auch viele Soldaten litten ähnlich an gefrorenen Ohren, jedoch in geringerem Grade. Das Wetter wurde wieder freundlich und ich munter, besonders als man mich mit dem k.k. Posteilwagen über den bösen Arl expedierte. Ich konnte unentgeltlich bis Pettneu fahren, wo ich freudig mein Elternhaus betrat, nach herzlichem Gruße die drei Taler aus der Rocktasche nahm und sie dem Vater überreichte mit den stolzen Worten: "Schau, das hat der Franzl verdient." In der festen Überzeugung, daß nun meinen Angehörigen nichts mehr fehlen könne, war ich ganz glücklich und vergaß alle Strapazen, die ich durchgemacht.

Mit dem weißen Hute auf dem Haupte und den schönen Kleidern am Leibe, durchwanderte ich das ganze Dorf und die Leute eilten aus den Häusern, um mich zu begrüßen. Noch eine große Freude war mir und den meinigen beschieden. Ein merkwürdiger Zufall nämlich wollte es, daß meine Lebensretter, die zwei guten Soldaten, am folgenden Tage auf ihrem Durchmarsche in meinem Vaterhause einquartiert wurden. Sie waren hochwillkommen und wir haben diese braven Männer nicht schlecht bewirtet. Im Jahre 1888 hatte ich das große Vergnügen, auf meiner Ferienreise ins Schwabenland das liebe Ehepaar, bei dem ich einstens gedient, in Haargarten wieder zu sehen. Hansjörg und Agatha waren zwar alt und grau geworden, lebten aber ganz gesund und sehr glücklich. Ihre bereits erwachsenen Kinder, ein Sohn und drei Töchter, schalteten und walteten am Fuchsenhofe, der mir unvergeßlich bleibt bis zur letzten Stunde meines Lebens.





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