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Schwabenkinder

Der Kinderhandel in Tirol







Denkschrift vom 23.11.1897
Als wir seinerzeit über die "menschenfreundliche Tätigkeit" der Tiroler Pfarrer berichteten, die den süddeutschen Landwirten alljährlich einige hundert Hütkinder aus Tirol liefern, gaben wir uns der Hoffnung hin, diese schändliche Kinderausbeutung so weit gebrandmarkt zu haben, dass sich selbst die hochwürdigen Herren dieses christlichen Wirkens schämen werden. Allein die frommen Herren rühmen sich in der Tiroler Landzeitung dessen sogar, und nach ihren Ausführungen sind die Geistlichen, die den Tiroler Hütkinderverein gegründet und leiten, eigentlich die ruhmwürdigsten Menschenfreunde. „Sie begleiten die Kinder, beaufsichtigen ihre Verdingung und sorgen, dass sie nicht übervorteilt werden und in gute Häuser kommen.“ Und überdies: „Was das physische Wohlbefinden der Kinder anlangt, so gestehen wir offen – so schreibt das fromme Blatt weiter -, dass diese Kinder ordentlich arbeiten müssen, dass sie auch gestraft werden, ein Tiroler Bub lässt sich das gefallen, da er bisher, gottlob, von den Segnungen der Neuschule der freien Lehrer verschont geblieben.“ Nach den Schilderungen dieser geistlichen Herren wären mithin diese ausgebeuteten Kinder, die sich den ganzen Tag schinden und plagen, das heißt „ordentlich arbeiten“ müssen, „gestraft werden“ und sich „gottlob“ das alles geduldig gefallen lassen, die beneidenswertesten Geschöpfe.

Nur EIN bitterer Tropfen fällt in ihren und ihrer geistlichen Beschützer Freudenbecher: die badische Regierung zwingt sämtliche Hütkinder zur Schule, weshalb die frommen Herren betrübt kritteln: „dass dieser Schulzwang den Lehrern und Schulen in Baden sehr willkommen, den Kindern sonderlich vorteilhaft gewesen wäre, ist nicht bekannt geworden.“ Und das glauben wir selber auch. Kinder, die sich Tag für Tag schwer plagen müssen, kommen müde, matt, abgespannt und verdrossen zur Schule, sind dem Lehrer eine Last und werden es sehr selten zu einer Leistung bringen, die ihnen ein lobendes Wort des Lehrers einträgt; dagegen wird dieser allzu häufig gezwungen sein, sie zu tadeln oder zu strafen. Es ist ein freudloses Dasein, das die ins Arbeitsjoch gespannten Kinder leben, ihre jungen physischen Kräfte werden aufgerieben und ihre geistigen Fähigkeiten müssen verkümmern. Darum gehören die Kinder eben in die Schule, die Ausbeutung kommt nach vollendeter Schulpflicht früh genug.

Aber die Herren prunken noch damit, dass sie diese Kleinen der Lohnarbeit zuführen. In der Generalversammlung des Hütkindervereines, die am 8. d. in Landeck stattfand, berichtete der Schriftführer Kooperator Streiter: Der Verein beförderte heuer 290 Kinder nach Friedrichshafen, respektive Ravensburg, und 250 Kinder wieder retour. Die Verdingung vollzog sich unter Aufsicht von sechs Führern, und erhielten die meisten Kinder gute Dienstplätze. Die Lohnsumme der zurückgekehrten Kinder beträgt 14014 Mark oder 8408 Gulden, ungerechnet die doppelte Kleidung.

Für 8408 Gulden mussten also 250 Kinder den ganzen Sommer, während dem sie die oben erwähnte „doppelte Kleidung“ jedenfalls zerrissen, sich plagen, und das in einem fremden Lande. Jedes Kind bringt demnach kaum 34 Gulden heim von seinem „guten Dienstplatz“. Und dieser paar Silberlinge wegen reißen die frommen Herren, die sonst immer so für Familie, Vaterhaus und Vaterland schwärmen, die armen Kinder von Vater und Mutter weg, schleppen sie vom trauten Vaterhause und teuren Vaterlande fort und befördern sie in ein fremdes Land zur Ausbeutung. Und wenn man ihnen das sagt schreiben sie: „Wenn die Sozialdemokraten jährlich 14000 Mark spendieren, so können die Kinder zu Hause bleiben, und der Verein kann seine Tätigkeit einstellen“.

Wir glauben recht gern, dass in Tirol viele arme Familien leben, denen die paar Gulden Kinderlohn sehr willkommen sind. Wenn die Masse des Volkes wohlhabend wäre, könnten die Mönche und Nonnen samt dem Bischof und den Pfarrern nicht so viel besitzen. Warum aber auch hier gerade die armen Sozialdemokraten wieder zahlen sollen, ist schwer einzusehen. Und die frommen Leute, die das rufen, besitzen Millionen und sammeln Jahr für Jahr Tausende für den Peterspfennig, Tausende für Kirchenbauten, Tausende für Klöster, Tausende für die „armen Hütkinder“ usw. Nur für die armen Kinder des Landes sollen wieder die Sozialdemokraten die 8000 Gulden geben. Was ist das für ein Christentum, das nicht einmal lumpige 8408 Gulden zusammenbringt, wenn es gilt, 250 Familien vor der Auflösung zu bewahren, 250 Kindern Vater und Mutter und Bruder und Schwester und Heimat zu geben? Und die Herren, die nach ihrem Vereinsbericht 1428 Gulden zum Verschicken der Kinder ausgeben, brauchten ja sogar bloß 7979 Gulden mehr zu sammeln, und die Kinder könnten in der Heimat bleiben.

Doch dass sie hunderte von Familien „zerstören“, den Kindern Eltern und Heimat nehmen, sie „ordentlich arbeiten“ und „gottlob“, strafen lassen, das sind noch nicht alle Verdienste der geistlichen Kinderlieferanten. Der Schriftführer Kooperator Streiter berichtete noch weiter: „Leider war während der Dienstzeit ein Unglücksfall zu verzeichen. Dem Knaben Otto Barfus aus Schnann, der in Gesellschaft seines älteren Bruders an einer Häckselmaschine arbeitete, wurde die rechte Hand abgeschnitten.“ Der arme Junge wurde also zum Krüppel gemacht und für sein Leben lang ins tiefste Unglück gestoßen. Denn was können ihm die 1200 Gulden, die er aus der Unfallversicherung erhielt, fürs ganze Leben nützen? Wegen 34 Gulden werden die widerstandslosen Körper im zartesten Alter aufgerieben, die Kinder den größten Gefahren ausgesetzt, wegen 34 Gulden wird das arme Kind im zartesten Alter seines nährenden Armes beraubt – man sollte meinen, dieser Fall allein müsste die Leute zur Einsicht bringen. Aber nein! Ohne viel Federlesens „verzeichnen“ sie in größter Gemütsruhe den „einen Unglücksfall“ und schreiben dann rühmend: „Der Verein glaubt auch im abgelaufenen Jahre seine Schuldigkeit getan zu haben, was sowohl von den Behörden als auch den anständigeren (!) Kreisen der Bevölkerung schon wiederholt anerkannt wurde.“

Diese Ausfuhr von Kindern geschieht demnach unter den Augen der Behörde, ja die Vereinsleitung hat heuer sogar die Statistik ihres Kinderhandels nicht bloß der Bezirkshauptmannschaft, dem Landesausschuss und fürsterzbischöflichen Ordinariat, sondern – wie es sich bei dem Handelsartikel gebührt – auch dem statistischen Büro des Handelsministerium vorgelegt. Und die Regierung lässt es ruhig geschehen. Diese von dem Kooperator Ludwig Streiter in Landeck, Pfarrer Steinacher in Zams, Kooperator Weber in Landeck organisierte Kinderausbeutung im großen ist ein Schandmal für unsere Zeit, ihr muss ein Ende gemacht werden. Wir sind begierig, wie viele Kinder noch zugrunde gerichtet werden müssen, ehe sich die Regierung zur Abschaffung dieses Kinderhandels entschließt. Handelte es sich um Rennpferde, ginge es vermutlich schneller.





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