Geschichte » Ein Dorfsonderling



list zurück zur Themenübersicht




question_answer live_help

Ein Dorfsonderling

Manga Bua



Aus dem Ausferner Boten vom 5. Februar 1925
"Sie werden immer seltener die Originale des Dorfes und auf den Berghöfen. Früher gab es beinahe in jedem Orte einen oder mehrere Sonderlinge, die,geistig soweit gewiß ganz normale Menschen, ja oft in manchen Stücken eine besondere Intelligenz verratend, aber mit ihren besonderen, von der Allgemeinheit stark abstechenden Eigenheiten in ihren Lebensgewohnheiten und manchmal auch in ihrer Bekleidung die Aufmerksamkeit und vielfach auch den Spott der Zeitgenossen auf sich zogen.

Ein solches Original war auch der vor beiläufig dreißig Jahren in Pflach lebende Bauer Jakob Drexler, an den sich mancher der noch lebenden Pflacher und Reuttener noch erinnern dürfte. Er war in der Gegend bekannt unter dem Namen "Manga Bua" oder "Pflacher Stierhalter", war Junggeselle und hauste durch Jahrzehnte hindurch mit seiner Schwester Gertraud völlig abgeschlossen und zurückgezogen von der Außenwelt. Nach deren Tod blieb er noch 15 Jahr ganz allein, bis ihn in einem Alter von 80 Jahren der Sensenmann holte. Er war der Urtyp eines echten Gebirglers, groß, stark, breitschultrig, wortkarg, trug lange Haare, im Winter Kleider aus starkem Loden, im Sommer weiße Zwilchhosen und solchen Janker, Bundschuhe, ein "reißenes" Hemd und einen Mordsschlapphut.
Er und seine Schwester taten sich alles allein in Feld und Haus und nach deren Ableben leistete er die ganze Arbeit allein für ein nach den hiesigen Verhältnissen ganz nettes Bauernanwesen. Er war ein großer Tierfreund und sprach im Stalle fortwährend zu den Kühen, als ob sie ihn verstehen könnten. Gegen ihn war sein Vieh ungemein zutraulich, gegen Nachbarsleute ganz wild. Es hatte den Anschein, als ob sein menschenscheues Wesen völlig auf das Vieh übergegangen wäre. Mit seinen zwei alten Ochsen schien er verwachsen zu sein.

In den Bauerndörfern findet man ab und zu noch so "Allerweltskünstler" die sich alles selbst machen und verfertigen. Sie brauchen keinen Handwerker denn sie sind Weber, Schuster, Schneider, Schmied, Schlosser, Zimmermann, Maurer u. dgl. alles in eigener Person. Zu dieser Gattung von Menschen gehörte auch "Manga Bua". Meistenteils sind dies auch die zufriedensten Menschen. Sie sind immer beschäftigt und ihr Geist befaßt sich mit allerlei Problemen, die ihn hinausheben über das Alltägliche und an den Unterhaltungen anderer Menschen kein Interesse finden läßt. Er baute ein neues Haus und hat der Hauptsache nach alles dazu selbst gemacht und getan und dies, nach dem Urteile von Fachleuten, erst noch in recht solider Ausführung.

Natürlich war er mit den Feldarbeiten, wie man zu sagen pflegt, "um ein Vierteljahrhundert zurück". Das Frühheu brachte er erst herein, wenn andere Leute mit den Wiesen fertig waren, die Wiesen mähte er, wenn der Grummetheuet zu Ende ging, das Grummet auf seinen Feldern grüßte der erste Reif und die Kartoffeln auf seinen Aeckern der Schnee oder kamen oft erst zu einer Zeit heraus, wenn der rüstige Knabe Frühling durch das grüne Tal zog. Wenn jemand mit einer Feldarbeit sich stark verspätete, so hieß es einfach: "Der wird mit s'Manga Bua fertig!"

Wenn alle Dörfler in den Federn sich von ihren Tagesmühen ausschliefen, mähte er in Mondscheinnächten seine Wiesen ab.

Durch diese rückständige Wirtschaftsweise mußte er trotz seines nicht unansehnlichen Besitzes oft recht kärglich leben, aber dies machte diesem ungemein genügsamen und abgehärteten Menschen nichts. Ganze Wochen verbrachte er in den Wiesen am Säuling und lebte nur von Ziegenmilch - die Ziegen nahm er mit — kalten Kartoffeln und "Ziger". Alkohol und Tabak sollen ihm zeitlebens fremd geblieben sein. Er galt auch als ausgesprochener Weiberfeind.

Der Einsame war ein durchaus ehrlicher und rechtlicher Mann. Nun ruht er in dem schöne, stillen Friedhofe in Breitenwang im Schatten der Kirche, deren Wohltäter er vor seinem Hinscheiden wurde."





list zurück zur Themenübersicht





Kommentare



Kommentar eintragen





*  










...vielleicht auch interessant:

Der Aderatsbachmann im Engetal / (Sagen)
Die drei Fräulein am Hoargenstein bei Reutte / (Sagen)
Ehrenberg / eines der bedeutendsten Festungsensembles Mitteleuropas (Geschichte)