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Sennereigenossenschaften 1928

aus: Wiener Landwirtschaftliche Zeitung vom 6. April 1929
"...dem Oberinntale ziemlich nahe steht der „Ausfern", das Gebiet des Lech-, Thannheimer und Vilstales. Die topographischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ähneln denen des Oberinntales, nur mit dem Unterschiede, daß das Lech- und Thannheimer Tal, gegen die kalten Winde der bayrischen Hochebene ungeschützt, noch viel rauher sind.
Ein altes Sprichwort sagt: „Im Ausfern ist es neun Monate Winter und drei Monate im Jahre kalt." Als Beweis hiefür diene, daß nicht einmal mehr die Kartoffel in den höher gelegenen Gebieten gedeiht. 90% des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens ist Grasland. Etwa 40% des Graslandes sind Wiesen und 60% Weide. Von den Weiden sind 75% Hochgebirgs- und 25% Talweiden. Das Melkvieh wird im Frühjahr unmittelbar vor dem Alpauftriebe durch 8—10 Tage auf den Talweiden ernährt, findet sodann während der durchschnittlichen Weidezeit von 90 Tagen seine Ernährung auf den Alpen — mit Ausnahme des für den Sommer unentbehrlichen Heimviehes — und wird nach der Rückkehr von dort wieder auf den Hut- und Heimweiden gehalten, zum Teile im Stalle gefüttert. Auch hier herrscht der bäuerliche Kleinbesitz vor und das Interesse des Lechtalers ist in erster Linie der Zucht des Rindes gewidmet. Wenn der gesamte Hornviehstand auf die 3421 selbständigen viehzuchttreibenden Grundeigentümer verteilt wird, so kommen je Besitzer nicht einmal ganz vier Stück. Wichtig ist auch hier, daß der Viehbesitzer zum großen Teile das ganze Jahr hindurch von Milch und Molkereiprodukten lebt, so daß nach Deckung des Milchbedarfes für die Familie und Abzug der Aufzuchtmilch das sich erübrigende Quantum Milch in die Sennerei geschickt wird.

Bis zum Auftauchen der sog. „Schweizer Käserei" war der Sennereibetrieb im Lech-, Thannheimer und Vilstal nur ein ganz untergeordneter Nebenertragszweig der Rindviehzucht und auf die altherkömmliche Erzeugung von saurer Rahmbutter und sauern Magerkäse gerichtet. Der rasche Aufschwung, welchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fettsennerei im Bregenzer Walde und im bayrischen Allgäu nahm, brachte es mit sich, daß die Hauptunternehmer dieses neuen Fabrikationszweiges in den an Vorarlberg und Allgäu zunächst angrenzenden Tälern — im Lech- und Thannheimer Tal — als Milchkäufer auftraten und die Milch durch ihre Leute zu verschiedenen Schweizerkäsen verarbeiten ließen. Die damaligen sehr hohen Preise exportfähiger Milchprodukte und der niedrige Gestehungswert der Milch gestalteten die Fabrikation von Fettkäsen außerordentlich lohnend. Die Viehbesitzer begannen nunmehr selbst das neue Verfahren zur Anwendung zu bringen, so daß gegenwärtig im Lech- und Thannheimer Tal die Schweizer Käserei in allen größeren Käsereien und fast ohne Ausnahme vorherrscht.

Die Käseerzeugung des Lech-, Thannheimer und Vilstales unterscheidet sich ganz wesentlich von der des Oberinntales. Im Ausfern können wir von einer ausgesprochenen Handelskäserei sprechen. Unter dem mehr oder weniger starken Einflusse des Allgäus bildete sich hier das System der Milchkäufer aus, d. h. es kaufte ähnlich wie im Allgäu ein „Privatunternehmer" die Milch, die an die Sennerei geliefert wird. Da auch in diesen Tälern ca. 80% der Kälber im Oktober—November fallen, tritt um die Weihnachtszeit ein Großteil der Kälber aus der Vollmilchernährung aus und die Milch steht in den Talkäsereien mit Neujahre der Versendung zur Verfügung. Es kommt dann meist zu Weihnachten zu einem öffentlichen Angebot der Milch. Die Milchkäufer erlegen ihre Offerte und das günstigst scheinende wird von den Viehbesitzern akzeptiert.
Der Milchkäufer beginnt nun mit Neujahr den Betrieb. Es wird bei diesen Offerten ein bestimmter Milchpreis und in manchen Fällen auch eine Lokalmiete vereinbart. Die Milchangebote 1928 für das Jahr 1929 stellten sich auf 29,5—30 Groschen pro Liter Milch und Schilling 1000—2000 Lokalmiete.
Die Molke wird in keiner der mir bekannten Sennereien zurückgegeben, sondern an die im Anbau der Sennerei gehaltenen Schweine verfüttert. Die Bezahlung des Milchgeldes erfolgte früher nach Beendigung der Sennperiode, also meist Mitte Juni, doch ist es mit der Nachkriegszeit unter dem Einflusse des Allgäus usuell geworden, die Milch monatsweise im Nachhinein zu bezahlen; in einigen Käsereien wird die Milch zweimal während des Betriebes bezahlt. In den ersten Betriebstagen ist die Milchanlieferung klein, steigt aber rasch empor und hält sich bis zur Alpauffahrt, die meist in der Zeit vom 5.—15. Juni erfolgt, ziemlich konstant.

Im Gegensatze zum Oberinntale, wo die Privatkäsereien überhaupt nie Fuß fassen konnten, waren im Lech- und Thannheimer Tal bis vor ca. 20 Jahren die Talsennereien nur Privatkäsereien, während fast alle Alpsennereien genossenschaftlich betrieben wurden. Diese Erscheinung war und ist umso auffallender, als im Lech- und Thannheimer Tal durchwegs geschlossene Ortschaften bestehen und daher die genossenschaftliche Milchverwertung im Tale keine Schwierigkeiten bieten würde. Erst in den letzten Jahren war es möglich, in den Talortschaften Sennereigenossenschaften ins Leben zu rufen. Jetzt allerdings, wo die Bauern die Bedeutung der Genossenschaft für die Milchverwertung erkannt haben, muß man anerkennen, daß die finanziell keineswegs gut situierten Besitzer weder Mühe noch Geld scheuen, um die Betriebe modernst auszugestalten..."





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