Donnerstag - 14. Nov. 2019


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Die Trude




Es war einmal ein steinreicher Herr und dieser hatte eine gar absonderliche Magd. Sie ging jede Nacht aus und kam oft erst am frühen Morgen zurück, weil sie eine Trude war und einen großen Trieb in sich fühlte, andere zu drücken. Um dieses zu tun, schlich sie in dunkler Nacht in die Schlafzimmer und drückte die Schläfer so, dass sie nicht mehr im Stande waren, sich zu bewegen.
Dies nächtliche Ausgehen blieb dem Herrn nicht lange geheim, er ließ die Magd vor sich kommen und fragte sie, warum sie nachts immer fortgehe. Sie solle es nur offen eingestehen, denn eine Lüge würde ihr doch nichts nützen.
Da nahm sich die Magd kein Blatt vor den Mund, gestand alles offen und sprach: "Haben Sie Erbarmen mit mir, gnädiger Herr! Ich gehe nicht aus freier Wahl zur Nachtzeit aus, sondern weil ich muss. Denn ich war in einer unglücklichen Stunde geboren, und bin deshalb eine Trude. Es drängt und treibt mich, etwas Lebendiges zu drücken, und mir kann nicht geholfen werden, bevor ich nicht etwas Lebendiges totdrücken darf." — Als der Herr dieS hörte, hatte er Mitleiden mit der aufrichtigen Magd und sprach : "Wenn dir so geholfen werden kann, dann sei getrost. Du sollst geheilt werden. Du kannst mein bestes Pferd, das ich im Stall habe, erdrücken." — Die Dirne war mit dieser Erlaubnis sehr zufrieden und dankte für die Gnade. In der folgenden Nacht ging sie wirklich in den Stall und kam erst morgens wieder zurück. Man fand das Pferd tot im Stall liegen, sie war aber von ihrem Drang erlöst.
Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland - Ignaz und Joseph Zingerle (1854)





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