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Overtourism

Wie viel Tourismus verträgt unsere Region?



overtourism überfüllt touristen voll


"Die Presse" leitet in einem Interview mit Günther Platter im November 2019 eine ihrer Fragestellungen wie folgt ein: "Wird Tirol Opfer seines eigenen Tourismuserfolgs?"
Der derzeit amtierende Tiroler Landeshauptmann entgegnet, dass man mit der Tirol Werbung Maßnahmen erarbeite, um die Gäste dazu zu bringen, mit dem Zug anzureisen. Auch die Werbetafeln entlang der Fernpass-Route laden den Reisewilligen dazu ein, mit Bus und Bahn das Urlaubsdomizil in Tirol anzusteuern.

Wie sinnvoll solche Aktionen sind, wird in der einheimischen Bevölkerung immer wieder heftigst diskutiert.

Wie würde man aber die Frage als Nicht-Politiker beantworten?


Im Grunde sollen die Berge und die Natur als Ruhe- und Erholungsraum dienen. Durch eine zu große Anzahl an Urlaubern und Touristen kann dies jedoch nicht mehr bewerkstelligt werden, da sich ein sogenannter "Dichtestress" ausbildet.

stau b179
das übliche Bild an der B179

rubihorn illertal
wie auch auf den Gipfeln der Berge
Nimmt dieser Dichtestress überhand, führen hinzukommende Kriterien zur Verweigerungshaltung der Einheimischen gegenüber den Urlaubern.

Neben dem schon seit Jahren ausufernden Urlauberverkehr, den in den Tälern zu lauten Motorrädern und dem Problem an der B179 gesellen sich also immer häufiger auch andersartige Konflikte hinzu.

Viele Almwirte und Hirten klagen vermehrt über das Verhalten von Urlaubern gegenüber den Weidetieren, zunehmendem Vandalismus und es kommt immer öfter auch zu scharfen verbalen Attacken zwischen Wanderern, Mountain- und insbesondere auch E-Bikern - die ab und an sogar in tätlichen Übergriffen gipfeln.
Die Qualität des Tourismus nimmt mit dem unpassenden Verhalten und der ausufernden Anzahl der Touristen in direkter Linie immer weiter ab.

An Stelle von Erholung und Ruhe rückt immer mehr der "Konsum" der besuchenswerten Reiseziele. So werden diese insgesamt zunehmend danach ausgewählt, ob sie "Instagram-tauglich" sind und eine hohe Anzahl an Klicks und Likes einbringen werden.

Diese Erweiterung der Werbewirksamkeit werden viele Touristiker vielleicht gerne sehen, die Regionen selbst werden dadurch aber immer mehr von klicks- und likes-heischenden Gruppierungen angesteuert und somit steht abermals der bloße, schnelle Konsum der Landschaft im Vordergrund. Es bildet sich also eine Negativ-Spirale aus.

Unter den Einheimischen kommt es indes zu harten Konfrontationen zwischen Touristikern und nicht direkt im Fremdenverkehr Beschäftigten. Der Corona-Lockdown hat in diesem Fall offenbar die Funktion eines Katalysators übernommen und die bisher verdeckten Widerstände gegen das Zuviel an Tourismus an die Oberfläche gespült.

Eine Betrachtung aus dem Jahr 1925


Aus dem Ausferner Boten vom 22. Jänner 1925
"...man muß unterscheiden zwischen Fremdenverkehr und Fremdenindustrie, wenn man letzteren Ausdruck gebrauchen will, so wie eine solche in der Schweiz sich breit machte und gewiß nicht beitrug, das Schweizerland zu verschönern...

...Fremdenverkehr und Heimatschutz können bei richtiger Kenntnis des Daseinsmotives bei gegenseitigem gutem Willen ganz gut in Einklang gebracht werden. Bei aller Förderung und Hebung des Fremdenverkehrs im Hinblicke auf seine eminente volkswirtschaftliche Bedeutung gerade für unser so herrliches, aber armes Oesterreich, gilt es mit allen Mitteln dem Dorf, dem Tal, dem ganzen Lande seine Eigenart und Ursprünglichkeit zu bewahren. Das Land muß vor jener Hyperkultur bewahrt werden, wie sie in manchem Fremdenverkehrsgebiete des Auslandes anzutreffen ist...

...gerade die Eigenartigkeit im Lande und in der Bevölkerung übt für tiefer denkende Menschen eine ungemein starke Anziehungskraft aus...

"...man fühlt sich als Gast und nicht als Fremder. Bei uns [Schweiz] ist alles so gesucht, reklamenhaft und nur alles darauf eingestellt nur ja viele und reiche Leute anzuziehen und wird ihnen so manches auch vorgeplauscht, was eigentlich mit der Denkweise der Allgemeinheit in der Schweiz nicht identisch ist." Merken wir uns diese Worte!...

...ein Wasserfall oder See, der als Ausbeute für elektrische Kraft dienen soll büßt sicherlich an Reiz ein...

...die Erhaltung des Alten und die [...] Eingliederung des Neuen muß eine der intensivsten Bestrebungen aller [...] sein. Da wurde in vergangener Zeit so viel gesündigt und sind die gemachten Schäden in dieser Richtung einfach nicht gut zu machen...

...wir müssen aber auch mit dem Reisepublikum rechnen dem die Reise nur ein Vergnügen und nicht ein Erlebnis ist. Es wird auch in unserem Lande an die Errichtung von Riesenhotels gedacht werden müssen. Wie weit es nur möglich ist, soll davon Abstand genommen werden. Ist es nicht notwendig, so ja nur keine Hotelkästen in die schöne Landschaft..."


Man könnte beinahe meinen, der Schreiber dieser Zeilen wäre im Stande gewesen, in die Zukunft zu blicken!

Das "Kommunikations-Konzept"


Überlegungen zur Lenkung der Besucherströme wurden in der Vergangenheit öfter schon angedacht, jedoch nicht in spürbarem Ausmaß umgesetzt. Andererseits möchte man künftig die Touristen "erziehen und aufklären", was aber auch einen kompromissbereiten Urlauber voraussetzen würde. Indes geht man etwa in der Tourismus-Hochburg 'Tannheimer Tal' daran, ein Kommunikations-Konzept auszuarbeiten, da gerade bei Jugendlichen der Widerstand gegen das Zuviel an Tourismus inzwischen stark ausgeprägt ist.
Für die junge Generation bedeuten auch und gerade die stark ansteigenden Grundstückspreise eine Verschlechterung der Zukunftsperspektive. Die zunehmend negative Wahrnehmung der hier lebenden Menschen dem Tourismus gegenüber, wird von den Touristikern selbst dem 'mangelnden Bewusstsein' der Bevölkerung und dem 'Neid untereinander' zugeschrieben, gar als 'Jammern auf hohem Niveau' tituliert.

Diesem Widerstand gedenkt man mit der 'Überprüfung der Kommunikationskanäle' entgegen zu wirken. Man will die Wahrnehmung von 'innen und außen schärfen', es soll allen ein WIR-Gefühl beigebracht werden, der Einheimische sich gar als (Werbe)Botschafter seiner Region verstehen.
Dass man die Werbetätigkeit reduzieren, ein Abbremsen der steigenden Besucherzahlen ins Auge fassen würde, diese Ansatzpunkte werden jedenfalls in der Agenda nicht angesprochen. Einem eindeutig notwendigen Schritt, wenn man bedenkt, dass sich gerade an Wochenenden in dem relativ schmalen und nur 17 Kilometer langen Hochtal etwa 10000 bis 12000 Menschen gleichzeitig tummeln.

Fakt ist: Der Tourismus ist wichtig für die Region - aber in diesem Ausmaß kaum förderlich und auf Dauer vermutlich ohne weitere Konflikte nicht zu halten. Ob dieser Konzept-Entwurf letztlich wirklich bei der Bevölkerung so ankommt und auch angenommen wird? Das wird die Zukunft zeigen...





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