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Armut und Not

Das Außerfern in harten Zeiten




Der Bettler - Callot
Der Bettler - Jaques Callot (1619)
Immer wieder wird über den Landstrich am nördlichen Alpenrand von Hunger und Notzeiten berichtet. Die geographische Lage des Bezirks Reutte bringt eine mittlere Höhe des besiedelten Raums von etwas über 1100 Meter ü.N.N. mit sich, weshalb insgesamt ein recht raues Klima vorherrscht. Die Vegetation entwickelt sich aus diesem Grund nur spärlich und viele Kulturpflanzen und Getreidearten können durch die zu kalten Verhältnisse nicht ausreifen.

Noch dazu bildet sich durch die besondere Lage des Außerferns eine naturgemäß starke Bindung gegen Norden, in das Gebiet des Allgäus aus. Sämtliche Täler sind gegen Norden, also in Richtung dem heutigen Deutschland geöffnet und bieten somit auch wesentlich günstigere Verkehrsverbindungen. Im Gegensatz dazu gibt es nur eine halbwegs wintersichere Verbindung ins Inntal, den Fernpass.

In Zeiten politischer Querelen hat diese exponierte Lage des Tiroler Bezirks immer wieder zu Einbrüchen in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und damit zu Hunger und Tod geführt. Eine weitere Erschwernis stellt dabei die Grenzlage dar, da im Besonderen der Raum des Reuttener Beckens, generell aber die gesamte Region fast immer auch als erster Angriffspunkt der sich bekriegenden Parteien diente. Es kam zu Einquartierungen, oder aber zumindest zu der zwangsweisen Verköstigung der durchmarschierenden Truppen, welche mitunter auch schon einmal in Form von Plünderungen sämtlicher Vorräte und Viehbestände ausarten konnte.

Schmalkaldischer Krieg


Aus: Herrschaft und Veste Ernberg, Justinian Ladurner (1870)
"...seinem Kriegsvolke aber befahl er am 26. Mai [1552] über Oberinnthal und Ernberg nach Schwaben abzumarschiren; welchen Rückmarsch sie auch [...] unter Führung des Herzogs von Mecklenburg und des Landgrafen von Hessen in kurzen Tagmärschen antraten; es war ein Zug entmenschter Vandalen; überall wo sie hinkamen, vorzüglich zu Zirl, Telfs, Seefeld, Miemingen, im Kloster Stams, Imst und Nassereit wütheten sie durch Plünderung, Brand und Zerstörung, alles Vieh und andere Habe und Gut wurde erbarmungslos geraubt, Kirchen geplündert, das hl. Sacrament aus dem Tabernackel gerissen und mit Füssen getreten, die Kirchenzierden geraubt oder zerrissen.

Von Reute herauf bis auf den Vern hatten ihnen ihre ebenbürtigen Kriegskameraden, welche von Moritz vor Schloss Ernberg zur Blokade zurückgelassen worden, in gleicher Weise durch Raub, Brand und Zerstörung und noch viel eifriger vorgearbeitet, die ganze Bevölkerung vertrieben und nicht allein genommen, was sich vorfand, sondern sogar alles Vieh von den Alpen und sonst, wo es gefunden wurde, abgetrieben. Die Häuser wurden eingerissen, und, was sie nicht niederreissen konnten, sonst verderbt und eingeschlagen..."


Dreißigjähriger Krieg


Etwa 80 Jahre später sah es nicht viel besser aus, als die Schweden die Landschaft vor den Toren Ehrenbergs und die umliegenden Täler heimsuchten. Ebenso wie im Schmalkaldenkrieg, fordert auch der Dreißigjährige Krieg viel Blut und nicht weniger Tränen. Hungersnöte und Seuchen beherrschten neben dem rohen Umgang der Aggressoren das Leben des einfachen Volkes. Als in negativer Weise bemerkenswert gilt dabei das Jahr 1632, das mit einer besonderen Dichte an Grausamkeiten und Elend daher kam.

Dreißigjähriger Krieg Galgenbaum

Die Kriegshandlungen und die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen hatten sämtliche Landstriche verwüstet und entvölkert. Es überlebte letztlich nur etwa ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten die vom Krieg betroffenen Gebiete mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen des Krieges wieder zu erholen [1].

Die aus natürlicher Entwicklung, wie Dürren und Missernten, stattfindende Not hatte wenigstens nicht die furchtbaren Zerstörungen und unmenschlichen Schandtaten im Schlepptau, waren für die Betroffenen aber ebenso lebensbedrohend:

Auszug aus einer Urkunde vom 24. Jan. 1794
"...durch den Pfleger Alois Aschauer folgende Vorschriften erlassen: Für die Armen sind wöchentliche Sammlungen am Sonntag vorzunehmen. Die Kranken und Armen sind mit Geld bzw. Naturalien zu versorgen und es ist ihnen ein Wundarzt oder Doktor samt Krankenwart unentgeltlich beizustellen. Sieche und Tolle müssen nach Innsbruck gebracht und vom Armenfond der Pfarre übernommen werden. Waisenkinder müssen gegen einen Gemeindebeitrag tugendhaften Pflegeeltern übergeben werden. Betteln ist verboten, doch können den armen Kranken übriggebliebene Speisen gebracht werden. Bettler aus anderen Gemeinden sind abzuschieben, und im Wiederholungsfall ist ihnen das Almosen zu entziehen. Auch das Neujahrswünschen der Kinder ist verboten. Wer Vaganten und Bettlern Almosen reicht oder sie beherbergt, wird mit genannten Strafen verfolgt. Auch das Hausieren mit unterschiedlichen Waren dient meist nur als Vorwand zum Betteln und ist daher verboten, außer bei Vorweisung eines Hausiererpatentes. Auch herrenlose und dienstlose ledige Leute sind vom Gemeindevorsteher genau zu überwachen und allenfalls der Obrigkeit anzuzeigen..."

Die Zeit zwischen den Weltkriegen


Mitte Jänner 1920 ist von einer Normalisierung nach Abschluss der Kriegshandlungen nichts zu spüren. In dem Allgemeinen Tiroler Anzeiger vom 17. Januar 1920 wird die Stimmung im sogenannten Lechtaler Brief wiedergegeben: "Das vergangene Jahr wurde wie kaum ein Jahr seit Menschengedenken begonnen mit Hoffnungen und freudigen Wünschen; aber kaum ein Jahr hat so wenig gehalten wie 1919, das uns den ersehnten aber so entstellten Frieden und ein armes, dem Untergang geweihtes Vaterland schenkte. Außfern, geographisch und verkehrspolitisch nach Norden orientiert, hatte in den Monaten nach dem Zusammenbruch gehofft, daß die Grenzpfähle oder wenigstens die Zollschranken fallen und das Getreideland Bayern werden gegen Kompensation an Vieh die dürftige Mehlration den auf unfruchtbarer Scholle lebenden Stammesbrüdern aufbessern. Es ist kein Zweifel, daß die Sehnsucht unserer Bauern und Bürger um die Jahreswende 1918 nach Bayern ging..."

Die Erwartungen der damaligen Zeit wurden bekanntlich nicht erfüllt. Weder wurde das Außerfern an Bayern angegliedert und auch der zur Besserung der Situation vollzogene Warenaustausch brachte in erster Linie Ernüchterung. Zwar wurde Vieh gegen Mehl nach Bayern geliefert, aber das Mehl war von eher schlechter Qualität. Die Beziehungen zum Nachbarn waren in dieser Angelegenheit zwar beeinträchtigt, dennoch ergab sich in der Folge ein reger Grenzverkehr - dem Schmuggel und Schleichhandel.

Dem Volkswohl war diese Art des Handels jedoch alles andere als zuträglich, da die Güter - derer es eigentlich im eigenen Land bedurfte - ins Ausland geschafft wurden und auch die Preise für eben diese rasch anstiegen und für den Normalbürger nicht mehr erschwinglich waren.
Vor allem Häute und Lederwaren fanden jenseits der Grenze großen Absatz. Im Außerfern selbst war Leder jedoch fast nicht zu bekommen. So blieben viele Kinder (aber auch Erwachsene) ohne rechtes Schuhwerk, im Winter meist nur mit selbst gefertigten Holzschuhen (Clog) bekleidet.

Auch die "Schwabengängerei" erlebte eine neuerliche Blüte, vor allem ältere Mädchen verdingten sich in der Ferne. Aber auch Erwachsene wanderten vereinzelt in wirtschaftlich attraktivere Gegenden ab. Die hier verbliebenen lebten mit dem Wissen, dass der Schleichhandel und die belieferten Händler jenseits der Grenze die Nutznießer und sie selbst die Verlierer waren.

Einzelnachweise


1. Dreißigjähriger Krieg (Wikipedia)





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